Freitag, 9. November 2007

Gentrifizierung in Berlin: RAW.tempel

Das Thema Stadtentwicklung liegt mir ja schon am Herzen, insbesondere wenn es um solch liebenswert-chaotische Flecken wie den RAW.tempel in Berlin Friedrichshain geht. Naja, hier habe ich in den letzten sechs Jahren viel Zeit verbracht, davon vier Jahre lang Veranstaltungen gemacht. Eine zeitlang war ich auch im Vorstand dieses sozio-kulturellen Vereins.

Eigentlich wollten wir mal eine Genossenschaft gründen, das war im Jahre 2005. Dafür hatte ich mich doll ins Zeug gelegt, aber ich wusste vorher selbst nicht, wie sehr Veränderung in diesen sozial doch recht wackeligen Kreisen als Bedrohung empfunden wird. Dass wir damals keine Genossenschaft gegründet haben, stellt sich heute als folgenschwerer Fehler heraus. Nicht das mir das nicht schon damals schwante, aber es fließen dann doch immer ein paar Tropfen Herzblut die Spree hinunter, wenn's dann soweit ist. Denn 2007 kam der neue Eigentümer, Immobilien-Spekulanten mit sehr dubiosen Hintergründen. Hier deutlicher zu werden würde strafrechtliche Probleme nach sich ziehen. Eine Vielzahl von Artikeln erschien überwiegend in der Berliner Tagespresse. Nachdem er mich und meine Kollegin Andrea Taha interviewte, schrieb diesen hier Matthias Jekosch, er erschien am 09.11.2007 im Tagesspiegel [link zum Artikel].

Das rostige Windrad im Hof dreht und dreht sich. Im Café Küste holen sich die Künstler ihre Ration Koffein, es ist ein Kommen und Gehen. Vereinzelt sitzen Leute unter Bäumen, die hinter dem Verwaltungsgebäude ihre Zweige in alle Richtungen strecken. Das RAW-Gelände an der Revaler Straße ist voller Leben. Und Raimund Reintjes und Andrea Taha sind mittendrin.

Ein Mann spricht Reintjes an: „Das Stoff- und Gerätelager wird am Montag eingerüstet.“ Reintjes reagiert aufgeschreckt: „Da ist doch eine Veranstaltung.“ Das Gelände ist eben immer im Wandel und manchmal kommen dann ein paar Dinge durcheinander. Der 39-jährige Raimund Reintjes ist für Veranstaltungen zuständig, die 48-jährige Andrea Taha ist im Vorstand des Vereins RAW-Tempel, der vier Gebäude betreibt. In ihnen haben sich Künstler, Kleingewerbe, Tonstudios, ein Zirkus oder politische Initiativen eingerichtet. Insgesamt sind es 60 Mieter, die das alte „Reichsbahnausbesserungswerk Franz Stenzer“ mit Leben erfüllen. „Wir sind stetig gewachsen. Jetzt haben wir die Warteliste für Mieträume gestoppt. Wir könnten das ganze Gelände vollstopfen mit Projekten“, sagt Reintjes.

Das war einmal anders. Nachdem das Ausbesserungswerk 1994 stillgelegt wurde, lag das gesamte Gelände brach. 1998 kamen die ersten Künstler, die sich 1999 dann im Verein zusammenschlossen. An die alte Nutzung erinnern heute noch Schienen, die über das Gelände verlaufen. Auch die Namen der Gebäude sind geblieben. Beamtenwohnhaus, Ambulatorium, Verwaltungsgebäude und Stoff- und Gerätelager werden allerdings längst anders genutzt. Obwohl der Verein allein 6000 Quadratmeter nutzt und auch die Five-O GmbH mit dem Club Cassiopeia, einer riesigen Skaterhalle und dem Sommergarten vertreten ist, liegen immer noch fast 90 Prozent des „Revaler Viereck“ genannten Geländes brach.

Marode Gebäude, viele Freiflächen und wildes Gestrüpp bestimmen das Areal, das auf der einen Seite durch Bahngleise, auf der anderen durch eine Mauer zur Revaler Straße hin begrenzt wird. „Die hat unsere Künstler erst mal geschützt“, sagt Reintjes. So hatten sie Zeit, sich zu entwickeln.

Inzwischen ist etwas zusammengewachsen. „Wir bieten unseren Partnern hier soziale und berufliche Kontakte“, sagt Taha. Das ist auch in Berlin aufgefallen. Die Anfragen von Veranstaltern werden immer häufiger. Vor allem die Friedrichshainer Besucher haben ihren Weg hierher gefunden, sei es für Veranstaltungen oder einfach nur entspannt auf einen Kaffee. „Wir kommen dem alternativen Lebensgefühl im Kiez entgegen“, glaubt Reintjes. Doch auch das wandelt sich. Touristen werden busseweise ausgeladen und wandern die Simon-Dach-Straße auf und ab, die direkt auf das Gelände zuläuft. „Die kommen alle her, weil es so alternativ sein soll, tragen aber nichts dazu bei, dass es so bleibt“, sagt Reintjes zur Entwicklung im Kiez.

Doch eine Entwicklung am Revaler Viereck beschäftigt Taha und Reintjes derzeit viel mehr. Der Investor R.E.D. Berlin Development GmbH hat das Gelände gekauft und will generationenübergreifendes Wohnen ermöglichen. Das ließ bei den jetzigen Nutzern erst einmal die Alarmglocken schrillen, denn sie fürchteten verdrängt zu werden. Der längste Mietvertrag läuft gerade mal noch fünf Jahre. Andrea Taha ist aber guter Dinge: „Der neue Eigentümer zeigt sich kooperativ. Wir hoffen, dass wir permanent hierbleiben können.“

Für das als Zwischennutzung gestartete Projekt wäre das ein Erfolg. Die Bezirkspolitiker zumindest stärken dem Verein den Rücken. Das liegt auch an den Arbeitsplätzen, die alleine durch die zahlreichen Ateliers geschaffen wurden. „Wir sind nicht gegen den Wandel“, stellt Taha fest. „Aber wir möchten ein Mitspracherecht, in welche Richtung der Wandel geht.“ Es geht voran im Revaler Viereck – das rostige Windrad zeugt davon.

(Erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 09.11.2007)

Samstag, 29. September 2007

Netaudio-Festival 2007 in Berlin: Interview Portrait

Der folgende Beitrag erschien am 29.09.2007 im Netz-Magazin "Phlow" des Kölner cc-Aktivisten mo. Hier ist der Link zum Post. Die website zum Netaudio Festival Berlin 2007 findet ihr hier.

Interview mit den Organisatoren des Musikfestivals | Vom 5. bis 7. Oktober ist Berlin der Dreh- und Angelpunkt der globalen Netlabel-Szene. Angekurbelt wird das Netaudio Festival von Workshops und Parties. Groß buchstabieren die Netaudio-Aktivisten hierbei Netzwerk und bieten Musikern, Netlabels und Musikliebhabern zahlreiche Möglichkeiten zu netzwerken. Wieso, weshalb und warum das Netaudio Festival in Berlin entstand und was auf Euch wartet, erfahrt Ihr im Interview mit Raimund Reintjes, Timor Kodal und Don Ludwig.

Nach den Netaudio-Festivals in Bern, London und Zürich steht jetzt das nächste Festival in Berlin an. Wie kam es zu der Idee, ein eigenes Netaudiofestival zu planen und welche Motivation steckt dahinter?

Die verschiedenen Netaudio-Communities liegen geographisch quer über den Globus verstreut und agierten trotz steigendem Vernetzungsgrad in der Vergangenheit weitestgehend autark. Dort möchten wir ansetzen und den verschiedenen Netaudio-Crews ein Forum für den Austausch untereinander bieten.

Die Netlabel-Community gewinnt tagtäglich neue begeisterte Anhänger hinzu, und dennoch wissen selbst innerhalb internet-affiner Zielgruppen viele nicht, was ein Netlabel eigentlich ist, und welche Faszination von der Netaudio-Bewegung ausgeht. Wir möchten mit dem Festival der Netaudio-Szene also auch dazu verhelfen, sich zu emanzipieren, um sich innerhalb des Musik-Business erfolgreich positionieren zu können und die eigene Stellung gegenüber den "klassischen" Musik-Vermarktern zu stärken.

Deswegen haben wir beschlossen, das Netaudiofestival 2007 in Berlin auszurichten, um eine Bestandsaufnahme des derzeitigen Entwicklungsstands vorzunehmen, Zukunftsperspektiven für fortschrittlichen Musikvertrieb aufzuzeigen, und vor allem den Besuchern des Festivals demonstrieren zu können, auf welch hohem Niveau mittlerweile weltweit Netaudio-Musik released wird.

Welche Köpfe stecken hinter dem Berliner Netaudio Festival? Stellt doch mal Euch, Eure Aktivitäten und Eure Crew vor!

Hinter dem Netaudiofestival steht als treibende Kraft die Netlag-Veranstaltercrew, die bereits im Januar 2006 großes mediales Interesse hervorgerufen hat, als sie mit der Netlag erstmals eine komplett gemafreie regelmäßig stattfindende Netlabel-Veranstaltungsreihe im RAW-Tempel initiiert hat. Die Netlag-Crew besteht aus Don Ludwig (Labelhead von Pentagonik), Timor Kodal (Labelhead von Pulsar-Records und Little Green Man) und Raimund Reintjes (Veranstaltungsmanager im RAW-Tempel e.V.).

Weiterhin an der Organisation des Festivals beteiligt sind Antina Michels (Forschung Europäische Ethnologie a.d. Humboldt-Universität mit einer Studie zu Netlabeln und sozialen Netzen), Karl Badde & Max Lisewski (Designer Bauhaus Universität, Weimar - Visuelle Kommunikation) und Jakob Ellwanger (Pentagonik).

Auf Euren Parties im Raw Tempel sowie auf den Netlabeln Pentagonik und Pulsar Records liegt der Hauptfokus auf club-orientierter Techno/House-Musik. Wie breit streut ihr das Musikspektrum auf dem Netaudio Festival in Berlin? Gebt Ihr Musik jenseits von 4-to-the-floor auch eine Chance?

Das musikalische Spektrum auf dem Festival wird sehr breit gefächert sein. Neben klassischem tanzbarem Clubsound (techno, minimal und techhouse) werden auch andere Spielarten bedient wie zB Dubstep, Drum&Bass und Ambient.

Nicht nur Anhänger des gegenwärtig in den Club angesagten Sounds werden also bei dem Netaudiofestival auf ihre Kosten kommen.

Welche Künstler erwarten die Besucher? Freut Ihr Euch selbst besonders auf einen Gast? Wen seht Ihr als Headliner und wer gilt als Geheimtipp?

Wir freuen uns insbesondere auf die zahlreichen internationalen Acts, die dem Festival beiwohnen werden. Die Verwendung des Begriffs "Headliner" in der Netaudioszene ist allerdings noch recht selten. Viele Netaudio-Artists haben innerhalb ihrer Community bereits eine große Fangemeinde, sind aber außerhalb ihres Wirkungskreises noch relativ unbekannt. Trotzdem zeigt ein Blick auf das nächtliche Rahmenprogramm zahlreiche Acts, die über regionale Grenzen hinaus schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt haben.

Bei den bisherigen Netaudio Festivals rückten die Veranstalter immer das Thema Netzwerk/Networking in den Vordergrund. Neben den Konzerten und Parties bereicherten auch Workshops und Diskussionsrunden das Programm. Wartet das Netaudio Festival in Berlin auch mit Workshops auf? Und stellt Ihr auch Raum für den kulturellen Austausch zwischen Netaudio-Künstlern, Netlabels, Fans und Journalisten zur Verfügung?

Genau so ist es. Workshops, Diskussionsrunden, Informationsveranstaltungen und nicht zuletzt die nächtlichen Konzerte runden das Gesamtkonzept des Festivals ab, und für den kulturellen Austausch bietet das RAW-Gelände während des Festivalzeitraumes vom 5.-7. Oktober jede Menge Raum und Möglichkeit!

Netaudio und Netlabels sind in erster Linie auch ein Netzthema. Technik und virtueller Raum sind dabei ein zentrales Thema. Wie digital gibt sich Euer Festival? Wird es Streams geben? Plant Ihr das Online-Stellen von DJ-sets und Live-Acts? Wird es vielleicht sogar Videos geben?


Es wird in der Tat einen Livestream vom Festival geben (inklusive Video), und auch das Onlinestellen von Livemitschnitten einiger ausgewählter Performances nach dem Festival ist geplant.

Vielen Dank für das Interview!