Donnerstag, 1. Oktober 2009

Popkomm minus illegal

Artikel von mir im proud-Magazin, 10/2009, S. 29


Der King of Pop ist tot. Die Popkomm, the Circus of Pop, wohl auch. Schuld daran sind laut Dieter Gorny die illegalen Downloads. O.k., jammern hilft manchmal. Aber was soll es bringen, wenn die etablierten Musikverlage technologische und gesellschaftliche Entwicklungen ignorieren und stattdessen lieber Druck auf die Politik ausüben? Richtig ist, dass der Umsatz aus dem Verkauf von CDs und anderer Tonträger in den letzten zehn Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen ist. Richtig ist auch, dass das viel mit dem Internet zu tun hat. Aber das Internet ist weit mehr als illegale Tauschbörsen. Internet - das ist auch MySpace, Musikblogs oder Netlabels. Nahezu alles, was die Musikbranche reproduziert anzubieten hat, ist mittlerweile online verfügbar, und vieles davon tatsächlich ganz legal.
Im Gegensatz zu den zahlreichen Tauschbörsen bieten seit einem knappen Jahrzehnt eine wachsende Zahl von Netlabels die Musik ihrer Künstler zum legalen Download an. Und zwar kostenlos. Netlabels sind Labels, die ihre Musik über ihre Plattformen im Internet anbieten. Sie veröffentlichen ihre digitalen Releases zumeist im mp3- oder flac-Format, erstellen Coverart und Künstlerprofile - und verfolgen in erster Linie das Ziel, Aufmerksamkeit für den Künstler und seine Musik zu erzeugen. Sie verstehen sich zumeist als Promotionplattform für neue, unerhöhrte Sounds. Ihre Künstler und deren
Musik stellen eine Art Bodensatz dar, aus denen sich die Stars von morgen generieren.

Der Unterschied zu dem über mediale Inszenierung erfolgten Weg zum Superstar und einer auf massenhaften Verkauf von Tonträgern ausgerichteten Systematik ist der, dass sich, bis es soweit ist, niemand die Finger verbrennt. Dass niemand horrende Summen investiert, die es nach sich ziehen, den investierten Promotionaufwand auf Gedeih und Verderb wieder einspielen zu müssen. Hier verschuldet sich kein Künstler über die nächsten Jahre, um sein Publikum zu finden, hier muss niemand zu Stefan Raab oder durch die Autohäuser touren, um irgendwelche Verpflichtungen gegenüber einer unstillbar hungrigen Musikindustrie abzudienen. Die Künstler bieten ihre Musik schlicht und einfach einem internationalen Publikum an, ohne dass das Label den Sound glattschleift oder an einen vermeintlichen Hörergeschmack anpasst. Hier entscheidet der Künstler im Rahmen der sog. "Creative Commons"-Lizenzen selbst darüber, welche Rechte an seinem Werk er behalten will und welche er an die zukünftigen Nutzer überträgt. Downloaden? Auf CD brennen? An Freunde verschenken? Samplen? Remixen? In Clubs abspielen? Je nachdem - und beim nächsten Mal vielleicht auch anders - und zwar solange, bis sich ein Publikum gefunden hat was auch zu Konzerten kommt und Tonträger oder T-Shirts kaufen will. Oder ein Verleger kommt und einen Vertrag anbietet zu fairen Konditionen. Dann fangen auch diese Künstler an, Geld zu verdienen - und zwar ohne sich vorher über beide Ohren gegenüber den Dieter Gornys dieser Welt zu verschulden, ihre Seele zu verkaufen oder den eigenen Sound auf den perfekt produzierten CDs für die von der Plattenfirma anvisierte Zielgruppe nicht mehr wieder zu erkennen.
Bis dahin ist es nach wie vor ein weiter Weg. Viele, die ihn beschreiten, werden ihn auch nicht zuende gehen. Sie werden Hobbymusiker bleiben, werden es nie in die Plattenregale der Musikläden schaffen oder vor tausenden begeisterten Fans Konzerte geben. Trotzdem werden Menschen in aller Welt ihre Musik kennengelernt haben - und die Chance ist groß, dass durch unmittelbare Kontakte zwischen Musikliebhaber und Künstler weit mehr entsteht als eine distanzierte Beziehung zwischen Produzent und Konsument. Viel wahrscheinlicher entstehen stattdessen internationale Netzwerke, Freundschaften oder spannende Kooperationen mit anderen Künstlern. Es geht (noch) nicht um Image oder Hype, nicht um Verkaufszahlen oder Möglichkeiten des Cross-Selling, sondern um einen konkreten Erfahrungs- und Ideenaustausch. Ein solcher Ansatz definiert den Wert von Musik nicht in erster Linie monetär sondern darüber, ob sie in der Lage ist, Menschen zu begeistern und zu inspirieren. Es ist eine Ökonomie von Aufmerksamkeit, die dem Ganzen zugrunde liegt. Und das kann sich durchaus auch finanziell auszahlen. Und weil das so ist, springen zunehmend auch etablierte Künstler auf den Trend auf, ihre Musik zu Teilen auch kostenfrei über das Internet anzubieten.
Vom 08. bis 11. Oktober trifft sich in Berlin die internationale Netaudioszene, bestehnd aus Netlabelbetreibern und den Künstlern, die über sie veröffentlichen. Aus Podcastern und Experten der Creative Commons, digitalen Distributoren, Fieldrecording Künstlern und einer ganzen Reihe
Kreativen aus weiteren Disziplinen, die sich auf die Suche nach einer Alternative zu den herkömmlichen Strukturen im Musikbusiness begeben haben. Von Donnerstag bis zum frühen Sonntagmorgen werden auf dem diesjährigen Netaudiofestival in der Maria am Ostbahnhof rund 150 Künstler aus 27 Nationen auftreten. Das Festival, das insgesamt bereits zum fünften Mal stattfindet, steht dieses Jahr unter dem Motto East meets West - da die Veranstalter im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls ein besonderes Augenmerk auf die Künstler, Label und Strukturen in Osteuropa - aber auch an den Nahtstellen zwischen Orient und Okzident - legen wollen. Dazu haben sie, neben Künstlern zahlreicher westeuropäischer Länder auch solche aus Weißrussland und der Ukraine, Polen, Marokko, Russland, Tschechien, der Türkei, Bosnien, Serbien und Ungarn eingeladen. Mit Kanada, den USA und Australien schließlich schaut das Festival musikalisch auch über den europäischen Rahmen weit hinaus. Die stilistische Bandbreite umfasst die verschiedenen Spielarten der elektronischen Musik wie Techno, Minimal und House - aber auch TripHop, Dub, Nujazz, Pop, Dubstep, HipHop, Chiptunes, Drum'n'Bass, Techdub und ein Experimental Floor werden geboten. Und tatsächlich sind neben wohlklingenden Namen aus der internationalen Netaudio-Szene auch zahlreiche weit über die Szene hinaus bekannte Künstler dabei: SCSI-9 beispielsweise oder D.Diggler, Tanith oder Erich Lesowski, Marko Fürstenberg oder Marc Schneider dürften auch bei dem ein- oder anderen Vinyl- oder CD-Liebhaber den Puls schneller schlagen lassen. Überdies erwähnenswert spielt die große Mehrheit der angekündigten Künstler live.

Doch auf dem Netaudio Festival 2009 geht es nicht nur um die Musik an sich: In einem kostenfreien und öffentlichen Tagesprogramm werden zahlreiche Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu verschiedenen Aspekten der digitalen Musikszene stattfinden. Das reicht vom Synthesizer Workshop über eine Einführung in Ableton Live!, von Creative Commons Filmemachen über die Diskussion der Ergebnisse der Alltogethernow-Konferenz, von einer umfangreichen Netlabel-Messe und Netaudio-Ping-Pong bis hin zu zahreichen Showcases, Performances und weiteren Kunstformen.
Hinter dem Festival steht als Ausrichter der Verein Netaudio e.V., dessen Mitglieder und Macher seit Jahren in der internationalen Netaudioszene aktiv sind. Mit Gleichgesinnten in London veranstalten sie das Festival im jährlichen Wechsel zwischen den beiden Städten. Und mit dem italienischen
nettare-Netzwerk sowie netaudio.es aus Barcelona haben sie sich im Zentrum eines europäischen Netzwerks etabliert, was dieses Jahr seine Kontakte nach Osteuropa erweitern will. Mittlerweile ist auch das Land Berlin auf die Aktivitäten der Netaudio-Promoter aufmerksam geworden und unterstützt seit diesem Jahr das Festival im Rahmen des Hauptstadtkulturfonds. Das wiederum zeigt, dass zumindest in Berlin einige Verantwortliche erkannt haben, dass manch alte Zugpferde der Creative Industries ihre Kraft verloren haben und es dringend geboten ist, nach neuen Wegen und Mechanismen Ausschau zu halten, den Kompetenzvorsprung dieser Stadt aufrecht zu erhalten. Auf dem Netaudio Festival scheint man an einer ganzen Menge davon zu arbeiten.

Das komplette Programm des Festivals findet ihr unter www.netaudioberlin.de
Proud konnte von den Organisatoren 3x2 Festivaltickets für Euch rausleiern.

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