Donnerstag, 21. April 2011

Fischer Z :: Konzert 20.04.2011 im C-Club (Columbia Fritz)

Das mit dem Älterwerden hat noch zwei andere Komponenten: keine Lust mehr auf faule Kompromisse und Altersmilde. Aber der Reihe nach...

Nach der letzten tollen Erfahrung mit The Chameleons sollte dieses Mal Fischer-Z mit Frontmann John Watts ein wenig 80er Revival über meinen Gehörgang in mein Herz tragen. Pünktlich erschien ich also an jenem Mittwoch vor dem C-Club. Was soll ich sagen? Ich war klar der jüngste Gast. Um mich herum nur Leute, die mindestens 5 Jahre älter aussahen als ich - und in ihrem Auftreten eine spröde Langeweile versprühten, die eine Karriere vom mittelmäßigen Gymnasiasten zum Sachbearbeiter bei Schering  suggerierten. Ich sah weder ein bekanntes Gesicht noch einen interessanten Menschen. Allein die Bratwurst im Garten schmeckte ganz o.k.

Vor Fischer Z spielte John Watts mit seiner neuen, unbedeutenden Rockformation aktuelle Stücke von seinem nicht minder belanglosen Album morethanmusic. Obwohl die Band handwerklich ganz ordentlich agierte, war mehr als höflicher Applaus von den sehnsüchtig wartenden Fans für die Bemühungen des alternden Popstars (der früher ganze Stadien füllte) nicht drin. Ein paar hundert Gäste waren gekommen und sie alle mussten die blödsinnigen Witze über Knut, den Bären (ja - wir siend in Berlin, genau...) Monica Lewinski (wir haben 2011) und Berlins Love Parade (wir haben immer noch 2011) ertragen - was zugleich ein sicheres Zeichen dafür war, dass der Ex-Star auf der Bühne die letzten 15 Jahre ausser über Fernsehenberichte und persönliche Erfahrungen (kommt für die hier genannten Beispiele dann eher nicht in Frage) wohl nicht viel von der großen weiten Welt mitgeschnitten hat. Aber irgendwie war's auch nicht so schlimm, denn das Schul-Englisch der meisten Anwesenden war lange genug in Vergessenheit geraten, dass ohnehin kaum jemand verstand, was der alte Mann mit dem lächerlich verknautschten Hut da vor sich hin brabbelte.

Das betraf auch die sinn- und poesiearmen Gedichte, die der Mann mit der immer noch tollen Stimme hier und da zum Besten gab. Ich fing an, mich fremd zu schämen, ein erstaunlich viel diskutierter Trend, der sicher auch an dem 56-jährigen Frontmann der Combo vorbei gegangen ist... Jedenfalls war es irgendwann so weit. Mit den Worten: "Hahaha, und ihr glaubt also im Ernst, dass ihr hier zu einem Fischer-Z-Konzert gekommen seid? Ihr Deppen!" verabschiedete sich die neue Formation - um Minuten später in selber Besetzung endlich die Fischer-Z Alben World Salad, Going Deaf for a Living und Red Skies Over Paradise (1979-1981) nachzuspielen. Naja - und irgendwie sagte der Satz auch alles, weil das was kommen sollte ein lustloses und ambitionsfreies Runternudeln der alten Songs war. Sonst nichts. Es war grauenhaft. Nach wenigen Songs hatte ich die Nase gestrichen voll. Und auch die Aussicht, Marlise oder Berlin einmal live zu hören konnte mich nicht in dem Laden halten. Keinen Bock auf faule Kompromisse. Alles ist besser, als mir den Scheiß hier weiter reinzuziehen. Das war das erste Mal, dass mich ein Konzert alter Helden so richtig deprimiert hat. Mein Gott, was für ein überflüssiger Abend!

Wo jetzt und hier etwas von Altersmilde zu erfahren ist? fragt sich also der aufmerksame Blog-Leser. Tja... hier direkt nicht, aber in einer Rezension von H.P. Daniels im Tagesspiegel steht am Tag nach dem Konzert: "Das ist keine abgedroschene Oldie-Show, kein Runternudeln aufgewärmter Hits. Es klingt sogar besser als damals, ohne die für die Zeit typischen Synthetizismen. Und Watts singt auch viel cooler, weniger gekünstelt als früher. Mit ihren tollen, manchmal schräggelegten Melodien, ihrer rasanten Rhythmik, mit den neuen und den alten Songs sind John Watts & Band ein großes Vergnügen." Dem stimme ich nicht zu. Aber so verschieden sind die Geschmäcker - und wenn das früher noch ein Grund gewesen wäre, solchen Leuten, die mit so jämmerlich wenig so zufrieden zu stellen sind, sofort die Freundschaft zu kündigen - oder ewige Feindschaft zu schwören - oder sie nach Schulschluss noch kurz die einzig richtige Meinung spüren zu lassen, kann man heute, aus der Milde fortgeschrittener Lebenserfahrung heraus, sich sogar ein bisschen für diejenigen freuen, deren höhepunktarmes Leben eine weitere Simulation eines schönen Abends erfahren hat. Anspruchslosigkeit hält wirklich so viele Vorteile im Leben bereit, ich weiß nicht, ob ich nicht auch ein klein wenig neidisch sein soll... War nur Spaß...

Donnerstag, 3. Februar 2011

der circus - Eine Ode an den Dub

Na also, nun gibt's ja doch eine Review der Veranstaltung im Netz... und zwar hier! Irgendwie gibt der Blogeintrag genau meine Stimmung wieder, die ich auch als Veranstalter hatte - toll! Dabei ist der Autor weder ein Bekannter noch von mir bestochen...

Zuallererst, BIG UP an alle Sound Systems, Sound Engineers, Produzenten, DJs, MCs und Produzenten des Dub. Euch gebührt große Ehre. Nicht minder würdig auch unsere tanzenden AnbeterInnen des Sounds, die Nacht für Nacht auf’s Neue beweisen, welche Kraft in dieser Musik steckt. Über die Jahrzehnte wurde uns nachfolgenden Generationen ein Klanguniversum geschaffen, welches zu betreten und zu erkunden uns eines der schönsten Gefühle ist. Wir wandern und streifen umher. Immer auf der Suche nach mehr.


Vor zwei Wochen spielten, zufällig entdeckt, ALPHA & OMEGA und trotz schmaler Anlage konnte diese dem Wirken des Dub nicht entgegenstehen. Nachdem SCIENTIST am Mittwoch mit mehreren Stunden Verspätung im Café Zapata an der Musik von I-REVELATION SOUND die Amps zum Glühen bringen konnte: Wie würde sich ein Dubereignis erst einmal wieder im Yaam anfühlen?Zion Train vor einigen Jahren waren gut in Erinnerung geblieben.


___TSUNAMI WAZAHARI___

23:23
Ich komme hinein und es spielen bereits TSUNAMI WAZAHARI. Der Dub erfüllt die Luft. Ein Sprenkeln und Knistern an allen Ecken und Enden. Die Masse beginnt zu wippen und harret dem, was da kommen solle. Einige bekannte Gesichter zeigen sich und entschwinden alsbald. Es ist dabei schön zu wissen in mehr oder weniger bekannten Gewässern zu fahren. Sie spielen in angenehm elektronischer Manier und müssen sich zurückhalten, mehr Druck auszuüben. Als hätten sie gerade erst angefangen; mit jedem Stück. Aber sie müssen sich zügeln, noch ist die Masse nicht warm, noch ist nicht die Zeit.

___AL HACA SOUND___

 

Nach dem ersten Konzert beginnt, am anderen Ende des Saales zwischen zwei leider nicht dazugeschalteten Boxentürmen, AL-HACA SOUND mit einem derben Track, der viel bekannte und typische Samples vereint. Es klingt verdächtig nach On-U Sound. In Gedanken die Frage:
“Wer dreht da so wild an den Knöpfen ‘rum?”
Diese gedankliche Bewegung verspült die Gehirngänge, befreit vom Ballast des Alltags und lässt nicht anderes zu außer sich selbst. “an alle – an alle” fliegt zwischen den Songs durch den Raum und stimmt uns ein auf entgrenzte Klangerfahrungen am Rande des Wahrnehmungsbereiches. Wir betreten eine Arena, in der Klang mehr erspürt als gehört wird. Wenn dein Körper nicht mehr anders kann, als sich zu bewegen, da er schon längst von den Schallwellen in Vibrationen versetzt wird.

In wohlig warme Bässe gehüllt beobachten wir ferner das Treiben auf der Bühne und stellen eine rege Aktivität fest. Und anstatt der zwei Künstler von eben tauchen auffälligerweise T-Shirts und Hoodies mit Aufschriften wie “Jarring Effects” oder “High Tone” auf! Die allmählich in Wallung geratenen Tänzer aber üben sich in vornehmer Zurückhaltung und gestatten den Meistern des Fachs die nötige Ruhe beim doch teilweise etwas hektisch erscheinenden Aufbau. Der dann auch gleich etwa eineinhalb Stunden einnimmt. Konzentrierte Gesichter wissen was sie tun. Alles geschieht in routinemäßiger Schnelligkeit und doch nie übereilt. Die Werkzeuge der Klangbaumeister verteilen sich über Boden und Pulte, ein Kabelkonglomerat ungeahnten Ausmaßes für diesen bescheidenen Rahmen produzierend. Wir dürfen gespannt sein.

___HIGH TONE___

Die Könige des französischen Dub.  


Elektronische Spielereien direkt in deinem Herzen. Du zappelst freudig und bist doch in Ruhe. Die Meute erdrückt dich, doch du stehst aufrecht.

Es kommen mehr Gäste hinzu, es ist bedrückend eng und es wird Zeit Obacht zu geben, wo sich die einem genehmen Mitmenschen aufhalten. Einmal und immer wieder im Kreise der Nächsten angelangt, lebt es sich denn ganz ungeniert: Körper bersten, Glieder fliegen, Hüften schwingen! Der Saal tobt und die da auf der Bühne haben es schwer, gegenzuhalten. Jedes Geräusch ist eine Offenbarung, jeder Hall und jedes Echo lassen deine Nackenhaare tanzen, bis du selbst in dem unglaublichen Kribbeln aufgehst, das jemandem beim Erdenken dieser Komposition vorgeschwebt sein muss.

Und so zieht es sich. Stunden über Stunden vergehen im abgeschlossenen Raum des Schalls. Denn Zeit, die ist relativ. Keine Bewegung die auch nur unbeachtet vorübergehen würde. Deine Sinne sind geschärft und die Musik, massiv über allem stehend, sorgt für die Verschränkung mit denen der andern. Deine Ohren werden an die Hand genommen, Schritt für Schritt einzutauchen in Motive und Strukturen von ungeahnter Form und Harmonie. Die Mächtigkeit des Basses verschmilzt den ganzen Raum zu einem einzigen Klangkörper. Denn jede Zelle resoniert, jedes Atom ist am Tanz der Tänze beteiligt. Das Sound System lädt zum Ball.

Doch auch jeder Kämpfer wird einmal müde und muss sich erholen. Mit letzten verzweifelten Schreiexplosionen kann das Publikum noch das letzte Quentchen aus den Künstlern mobilisieren, es gibt Zugaben, denen nicht einmal die Fusion würdig wäre. Doch dann, es ist vollbracht, genügend Kraft zu Hitze gemacht. Körper & Geist entleert, nach mehr gierend, werden sie ihrem Schicksal überlassen und freundlich empfangen von den Dubs AL HACAs.

___AL HACA PART 2___


Wir, also zurückgelassen in einem sich immer schneller leerenden Raum, füllen unsere Energiereserven wieder auf und kommen allmählich wieder zur Ruhe. AL HACA nehmen uns gefangen in den dunkelsten Ecken unserer bloßgestellten Seelen und verschaffen Ablenkung von der eben erlittenen Tortur. Die Knochen noch zitternd, schallt der “Master of Dub” durch den Raum, statt mit 45 auf 33. Mister Lee Scratch Perry dubbt uns zusätzlich verlangsamt in seine verdrogten Gehirngänge und stellt sie auf ausladenden Leinwänden aus.
“AN ALLE – AN ALLE” zwitschert es bekannterweise wieder ein paar mal über unseren Köpfen. Wir wissen, wir sind im sicheren Hafen angekommen, nurmehr um das nächste Auslaufen vorzubereiten. “AL HACA – AL HACA” wenn man genau hinhört. AL HACA.

Wenn ein Name diesen Abend überraschen konnte, dann der des Soundsystems mit den verspultesten Tracks und den herrlichsten Reminiszenzen. Aber wieder, es regt sich etwas auf der Bühne. Die vielleicht schon aus dem Supermolly oder anderswo her bekannten Gesichter von jazzsteppa bauen sich auf. Die Meute harrt einmal mehr dem, was da kommen solle. Noch schweben eifrigste Klangschnipsel durch die Lüfte. Hab’ ich schon AL HACA gesagt? AL HACA AL HACA!

___jazzsteppa___


Die Technik und die Band haben den Soundcheck hinter sich gebracht und bringen gemeinsam die ersten Töne des Konzertes auf die Bühne. Nicht jedem schmeckt ihr Sound, nicht jeder hat noch Energie übrig und so erhalte ich am Rande des Konzerts auch kurz die Möglichkeit, mit AL-HACA zu sprechen und man bestätigte mir mein Gefühl:

Der Mixmaster Adrian Sherwood himself zeichnete für die einleitende goldene Scheibe im ersten Set verantwortlich. DUB SYNDICATE, AFRICAN HEAD CHARGE, AUDIO ACTIVE, NEW AGE STEPPERS, REVOLUTIONARY DUB WARRIORS und weitere betreten die Bühne der Gefühle. Leipzig, Wien, Greifswald, Berlin, paar Mal auf dem Sziget usw. – die Jungs haben schon ein bischen von der Welt gesehen und das kann man hören.

Die gerade spielende Band dann doch wieder nicht. Als schließlich doch mal ein paar Titel aus den Boxen tröpfeln, scheint wieder etwas an der Monitorkonfiguration nicht zu stimmen: Die Musik ist aus. Und dann mal wieder an. Und wieder aus. Der Reaktionsgabe der Backing-DJs gedankt bedeutet dies für uns aber kein Ende der Musik, sondern lediglich den Abgang Jazzsteppas von der Bühne. Kein Verlust. Während JAZZSTEPPA die Bühne leer räumen und kaum verrichteter Dinge das Yaam verlassen, ereignet sich vor der soeben erst entdeckten, gerade geschlossenen Lounge DER Moment: Ein Techniker trifft #2 und nochwen, wir vom weggehenden Lounge-DJ verdattert zurückgelassen blöd rumstehend, werden Zeuge folgender vernichtenden Kritik an JAZZSTEPPA:
“Sowas unprofessionelles habe ich noch nie erlebt! Wenn DER mich noch einmal anquatscht, schlag ich ihm in die Fresse, echt! Das kann doch nicht sein! Was soll das?”
Der Name dieser Band sollte in Zukunft nur noch klein, am besten jedoch gar nicht mehr geschrieben werden.

___FADE AWAY___

 

DJ SAIMAN ergreift die Plattenspieler und geleitet uns akustisch zur Tür. Was folgt, ist nur noch Schadensbegrenzung. Viele Gäste verlassen empört das Gelände und die Kasse am Einlass wird schnell weggeräumt, bevor noch mehr ihr Geld zurückverlangen. Aber was bleibt ist ein wunderschöner Abend, mit ausgezeichneten Musikern und immernoch diesem Gefühl, an etwas ganz Besonderem teil gehabt zu haben. Schnell verteilen sich noch ein Paar Sticker, um vielleicht das ein oder andere Gesicht im circus einmal ähnlich bespaßen zu dürfen. To Be Announced.

HIGH TONE, AL-HACA, TSUNAMI WAZAHARI
Wiedersehen ist ein Muss!

Wer es ohne tiefbassiges Nackenkribbeln nicht aushalten kann, sei also zum circus feature zu Beginn des neuen Jahres eingeladen. Dank spezieller Leichenkellerakustik ist es uns ein Leichtes, mit vergleichsweise geringen Mühen über viele Stunden eine vielleicht nicht ganz unbekannte Athmosphäre aufrecht zu erhalten.
Komm.

  1. AL HACA soundsystem wrote: und weil es so schön war hier ein mitschnitt des 2.parts unseres auftritts :)



Donnerstag, 27. Januar 2011

Chameleons Vox :: Konzert am 26.01.2011

Eine Sache am Älterwerden ist ja das Ding mit der Erinnerung. Der Blick geht öfter zurück, als noch vor zehrn Jahren, wo man selber noch das Gefühl hatte, dass die ganze Welt noch vor einem lag. Stimmte natürlich schon damals nicht, aber man konnte sich das einreden... Irgendwann aber fängt man an, ein paar Dinge, die einem wichtig sind, in das persönliche Schatzkistchen zu legen. Dazu gesellen sich ein paar Erinnerungen an schöne Erlebnisse, Zeiten und Stimmungen. Das Verführerische daran ist auch noch, dass die ganzen Erinnerungslücken einen dunklen Hintergrund aller vergessenen Dinge ausbilden, vor dem die vergoldeten Relikte im Bewusstsein um so heller strahlen...

Nun bin ich ja ein Mensch, dessen Leben sehr stark an Musik und Schrift geknüpft ist - also auch an Musik. Und als ich 1997 meine Plattensammlung verkauft habe, weil ich für länger nach Nicaragua ziehen wollte (was dann tatsächlich nur ein paar längere Monate wurden...), da tat ich etwas, von dem mich schon damals eine Ahnung beschlich, dass ich das später mal bereuen würde. Und so kam es auch. Also fing ich vor einigen Jahren an, mir meine Plattensammlung zurück zu kaufen - natürlich nur diejenigen Scheiben, die sich wirklich lohnten - und auch solche, die ich früher schon gerne gehabt hätte - und auch solche, die aus heutiger Sicht unbedingt in meine Sammlung gehört hätten. Und dann fing ich auch an, auf Konzerte von Bands zu gehen, die ich von früher kannte - die ich aber zu Hochzeiten ihres Schaffens irgendwie verpasst hatte. Und bald war es auch soweit, dass ich sogar auf ein Konzert gegangen bin von einer Band, die ich früher schon live gesehen hatte. Wo ich mir also nicht mehr einreden konnte, es sei sozusagen nur, um die Backlist meiner Konzertbesuche aufzufüllen. Das erste mal war das beim Cure Konzert 2006 in Berlin. Und jetzt wieder bei einer Band mit Namen The Chameleons. Ich fand sie großartig damals.

Nun ist es ja so, dass 25 oder gar 30 Jahre später nicht mehr alles so großartig sein muss, wie man es damals empfand, zu Zeiten, als man selbst in einem ganz anderen Leben herumeierte. Das kann böse nach hinten losgehen, wenn man plötzlich irgendwelche alten Säcke auf der Bühne stehen sieht, die versuchen, ihre ollen Kamellen von damals halbwegs passabel rüber zu bringen. Und wenn man mit alten Säcken im Publikum steht, neben einem nur Guinness, alkoholfreies Pils oder Wasser getrunken wird und man sich einbildet, der Geruch von Old Spice liege wie ein Schleier der fortschreitenden Vergreisung in der Herrentoilette.

Nun, mit den Chameleons war es nicht so. Nach zwei langweiligen und unbedeutenden Vorbands sah und hörte ich die Truppe um Mark Burgess am 26.01. im Magnet Club in Kreuzberg - und es war großartig! Dabei hatte alles turbulent begonnen. Meine Begleitung hatte kurzfristig abgesagt - und mir ganz nebenbei noch gesteckt, dass ich ihren Gästelistenplatz haben könnte. Na toll. Wozu hatte ich mir also eine Karte gekauft? Und dann haben sie mir die Karte am Einlass abgenommen - sodass nicht mal mehr ein Souvenier übrig bleiben sollte von dem Abend.

Es war trotzdem geil! Es war voll - und es waren gar nicht nur alte Säcke unterwegs. Es roch nach Schweiß statt nach Old Spice - und zum Klo kam ich erst gar nicht, so voll war's... Das Publikum war textsicher, sogar textsicherer als ich - und ich kann wirklich viel Lieder der Band aus Middleton mitsingen - wenistens so dreiviertel richtig. Den Rest nuschle ich immer lautmalerisch unter die Musik. Chameleons Vox heißt das Projekt der Band, unter dessen Namen sie den Backkatalog der ersten Periode ihrer Existenz (1983 bis zu ihrer Auflösung 1987) zum Besten geben. Später dann - aber das ist auch schon wieder 10 Jahre her, haben sie sich wieder vereint und neue Sachen aufgenommen, die ich aber nicht kenne. Nun ja, so ist das nun mal. Angespornt von diesem Erlebnis - sowie von einigen ähnlich positiven Erfahrungen mit The Cure, Einstürzende Neubauten und Bauhaus habe ich mir dann gleich noch ein Ticket für Fischer-Z gekauft - aber das ist eine andere Geschichte, die ich später erzähle...

Freitag, 3. Dezember 2010

High Tone zum Zweiten :: Frequen.C One im Yaam


Olala, manchmal sind es ja die kleinen Dinge, die mir den Tag versüßen - so habe ich gerade ein 1,5 Jahre altes Interview mit der französischen Elektro-Dub Band  High Tone gelesen, indem nicht nur mein Gefühl für diesen tollen Abend, damals noch im RAW.tempel, bestätigt wird.
Quesion: Is there any particular reason that you only played a few gigs in Germany? As we have seen in Berlin there are a lot of people who really enjoy your music! How did you like the concert from an artists point of view?
DJ Twelve: The concert in Berlin was great, people seem to be very happy and us too. We played in Germany 3 years ago and people didn't know us, it wasn't a success. We played maybe 5 or 6 times in Germany, because it's hard when you have no distribution or big promotion, and I think “Raw Tempel“ (3.12.) was the best concert of all. The day after Berlin we played in Dresden at “Puschkin Club““ and it wasn't so cool. 
High Tone
Zu dem wunderbaren Lob aus dem Munde der Band gesellt sich das Bewusstsein, dass es genau 2 Jahre her ist, dass wir diese Nacht zusammen gestaltet haben - und das ich auf den Tag genau, wieder am 03.12., dieses Jahr ein weiteres musikalisches Happening, diesmal im Yaam,  anvisiert habe: Frequen.C One.

Tsunami Wazahari
Mit Tsunami Wazahari sind auch Vertreter der französischen Netaudio Szene dabei, die unter der Hand schon gemunkelt haben, in 2012 ein Festival in Frankreich organisieren zu wollen... Das wäre auch klasse. Am 03.12. werden sie ihre von den indischen Gottheiten Hanuman und Ganesh inspirierten Dubs performen - da bekomme ich jetzt schon Gänsehaut..!


Und Jazzsteppa? Ich hatte sie schon mal auf einer Nachtschatten Veranstaltung als Liveact - die mir damals wie das Kind der Jungfrau in den Schoß gefallen sind. Und dabei fand ich sie zuvor schon großartig und wollte sie unbedingt mal buchen - zumal ihr Gig im Tacheles wirklich unter den grauenhaften Soundverhältnissen richtig in die Hose gegangen ist. Naja, gestern war ich bei Gal's (einer der Steppas) Studioeinweihungsparty. Bei Studioeinweihung dachte ich erst, dass die Party irgendwie im Studio stattfinden würde - was aber (natürlich!) nicht so war... Stattdessen fand die Veranstaltung im 16Doors in der Reuterstrasse statt (in deren Hinterhaus das Studio liegt), einer Bar mit ebenfalls richtig schlechtem Soundsystem... Vielleicht sollte ich mir nicht so viel Mühe geben mit dem Anlagendesign?
Al-Haca

Mit Al-Haca Soundsystem habe ich ein weiteres Lieblingsprojekt aus den alten Tagen im Line-up. Frisch re-uniert ist dies der erste Clubgig seit Jahren - und seitdem sie dieses Jahr zum Fusion Festival den Schuss zum Neustart gegeben haben.
DJ Saiman

Und schließlich DJ Saiman - einer der meiner Meinung nach besten Dubstep DJs, die derzeit in Berlin aktiv sind. Er ist Resident DJ der Wobble-Crew und hat mich schon einige Male mit wirklich atemberaubenden Sets glücklich gespielt...

Ich kann's nicht anders formulieren: Ein Line-up, dass von Herzen kommt!


MITSCHNITTE:
Hier gibt's den Mitschnitt zu Al-haca:

Donnerstag, 11. November 2010

Clubcommission 1.0

Tja, manche Dinge poltern unerwartet durch die Hintertür in dein Leben... Wenn ich's mir recht überlege: Alle wesentlichen Dinge eigentlich...

So auch die Anfrage, ob ich nicht Lust habe, in den Vorstand der Berliner Clubcommission zu kommen. Wer mich kennt, weiß: soetwas gefällt mir immer gut... Ich hoffe, hier kann ich die Themenfelder Clubbetrieb, Politik und Networking im Musikbereich noch einmal neu und auf ganz andere Weise miteinander verknüpfen. So ist es jetzt also... Am 11.11. gab's statt Karnevalsbeginn die Jahreshauptversammlung der CC im SO 36. Schön finde ich auch, dass die Abkürzung CC nun für zwei musikalische Schwerpunkte in meinem Leben steht...

Samstag, 6. November 2010

Berlin Music Days 2010: Wessen Watergate war das jetzt?

Berlin Music Days - das darf man auf keinen Fall mit der Berlin Music Week verwechseln. Wirklich nicht. Damit das klar wurde, stritten Stoffel (Watergate und BerMuDa-Verantwortlicher) und Gemse (Cluster-Manager Berlin Music Week) öffentlich über das für und wieder von musikalischen Großveranstaltungen in der Stadt. Ansonsten gab's aber durchaus auch noch eine Menge interessanter Aspekte zum eigentlichen Thema, nämlich "Die Berliner Techno-Szene zwischen attraktiven alternativen Lebens- und Arbeitsformen, Investoren und Stadtpolitik”. Mit dabei waren neben den bereits angesprochenen Antagonisten Klaus Lederer (Fraktionsvorsitzender Die Linke im Abgeordnetenhaus), Andrej Holm (Stadtsoziologe und Gentrifizierungsexperte) - und ich. An der Moderation versuchte sich der Panel-Initiator Jan Kühn (BMI).

So spannend das Thema war und so gut besetzt sich das Podium anhörte: Der Einstieg in die Diskussion war m.E. total verfehlt. Jan, der immer gerne den Dissenz sucht, um die Aufmerksamkeitsspanne, Reichweite und Relevanz zu steigern, stürzte sich ohne Anlauf in den persönlichen Zwist der beiden zuerst genannten Antagonisten - und degradierte das eigentliche Thema damit zum Nebenschauplatz. Schade, damit hat er nochmal dem ohnehin vorhandenen Trümmerhaufen viel zerschlagenes Porzellan hinterher geworfen.

Trotzdem war die Runde spannend - und der Konflikt wirkte sich durchaus auch positiv auf die Veranstaltung aus - mit der leider nicht unerheblichen Ausnahme von Gemse, dessen Containance durch Jan und Stoffel auf eine harte Probe gestellt wurde. Was er mit Bravour meisterte. Sein persönliches Fazit über Art und Inhalt der Veranstalter dürfte allerdings gänzlich anders ausfallen.Wer Interesse ander Diskussion hat: Hier gibts sie zun nachhören:


Mitschnitt der Paneldiskussion zur BerMuDa 05.11.2010 im Watergate-Club
by berlinmitteinstitut

Initiator und Moderator der Paneldiskussion, Jan Kühn (Berlin Mitte Institut) hat aus dem Gesagten eine lange Abhandlung extrahiert (gibt's hier als pdf-download). Sehr wissenschaftlich, sehr lesenswert, doch ich frage mich, was davon wirklich als Ergebnisse aus den Gesprächen abgeleitet wurde. Der Text liest sich, als sei er vollkommen unabhängig von dem Panel entstanden und nachträglich mit ein paar wenigen Aussagen aus der Disussion angereichert worden. Das ist sicher legitim und kann zu einer Belebung und Weiterentwicklung der Diskussion beitragen. Es spiegelt nur nicht die Diskussion wieder...