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Samstag, 4. Februar 2012

Holy Shit :: Tim Hecker spielt "Ravedeath 1972" in der Passionskirche

Es ist mal wieder Club Transmediale - kurz CTM. Und wie schon seit vielen Jahren kann ich auch dieses Mal nicht umhin, die vielen tollen Programmpunkte zu bestaunen, die Jan, Remko und Mitstreiter mal wieder an Land gezogen bzw. aus der Taufe gehoben haben. Das diesjährige Motto heißt: Spectral. Nun ja - schön unverbindlich, wie fast immer. Eine ganze Menge Panels und Happenings beschäftigen sich z.B. mit dem Zodiak Free Arts Lab, jenem legendären Improvisations- un Sessionraumvon Conrad Schnitzler und Hans-Joachim Roedelius. Es gilt als der Geburtsort von Bands wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel - später erwuchsen daraus Kluster / Cluster oder die Solokarriere von Klaus Schulze. Vielleicht so etwas wie der Kreissaal der Berliner Elektronikszene, die neben Köln, Düsseldorf und München die Ursuppe der Krautrock Bewegung - und damit der elektronischen Musik als Genre, bildeten. Doch leider sind hier die ganzen spannenden Programmpunkte an einem Dienstag - doch der gehört der Dienstagswelt - ist doch klar!

Photo by Marco MIcrobi
Bogdan macht mich indes auf ein anderes Event aufmerksam, ein Orgelkonzert vom Kanadier Tim Hecker in der Passionskirchze Kreuzberg. Heilige Scheiße - was soll denn das sein? Ein Orgelkonzert in einer Kirche auf der CTM? Ok, dachte ich, da muss was hinter stecken, sonst würden weder CTM noch Bogdan aka Dr. Nojoke mir soetwas ans Herz legen. Es stellte sich heraus, dass es einerseits natürlich um Orgelklänge geht, andererseits aber auch um den Luftstrom, der durch die Pfeifen strömt, an dem der Künstler tatsächlich ebenso interessiert ist: Mit seiner Hilfe erzeugt Hecker seltsame Effekte, verhuscht, ambient und drony (das Wort musste ich gerade erfinden), um diese, elektronisch moduliert, über die Orgelklänge zu legen. Das klingt wirklich abgefahren und trifft so ziemlich genau meinen Geschmack elektronischer Hörkunst! Das Artwork zu seinem entsprechenden Album ziert ein Foto aus dem Archiv der Massachusetts Institute of Technology, das Studenten im Jahre 1972 bei einem alljährlichen Ritual – dem Piano Drop - zeigt.

Auch Lenka, eine Freundin aus Tschechien, kam mit - und so verabredeten wir uns alle am Samstagabend (04.02.2012) vor der Kirche. Vor der Kirche... haben sich dann auch noch gefühlte 1500 weitere Musikfreaks verabredet! Es dauerte Ewigkeiten, bis alle drin waren. Zum Glück hatten wir unsere Karten schon vorher gekauft, denn das Konzert war überknackevoll. Einen Sitzplatz zu ergattern war unmöglich, aber der klirrenden Kälte draußen zu entkommen war ja schon mal mehr als angenehm. Genauso, wie das folgende Konzert, dass ca. 75 Minuten dauerte und ohne jedwede Inszenierung auskam.

Photo by Marco MIcrobi
Im Anschluss trafen wir noch Alex Albert aus London, die zur CTM nach Berlin gekommen war und schon reichlich verfeiert bzw. vom Programmmarathon mitgenommen wirkte. Wir verabredeten uns später noch in der Ritter Butzke, doch außer Heidi, mit der ich ebenfalls verabredet war, und verschiedenen Menschen, die ich dort ungeplant traf, tauchte niemand von meinen Konzertbegleitern auf. Es war trotzdem ein großartiger und runder musikalischer Abend...

Donnerstag, 18. August 2011

Octopussy's Garden

Heute war ich beim Krake Festival. A Week Of Good Music - wie der Lateiner sagt. Ein Untertitel, über den sich trefflich reden lässt... Gute Musik war heute: THE FIELD — live, THREE TRAPPED TIGERS  — live, EMIKA — live, DJ SCOTCH EGG — live, RUDI ZYGADLO — live, sowie DJs vom Leisure Sys­tem. Ich kenne nix davon, egal. Krake ist Experiment, ist unerwartet, extrem, laut, konsequent, großartig! Musik an der Schnittstelle zur Improvisation, Free Jazz, Psychedelic, 8Bit, Drone, Noise und dem puren Wahnsinn. Das Ganze wurde gekrönt vom Hof des Festsaal Kreuzberg, in dem wir an diesem 18. rsp. 19. August eine der spärlich gesäten lauen Sommernächte verbringen. Don ist dabei, sein ehemaliger Mitbewohner (der die schönen Portrais im Rahmen des Netaudio Festivals gemacht hat) und Julia, auch eine Bekannte Dons. Am Eingang gleich haben wir kurz mit Niko gesprochen, Mastermind des Festivals und jemand, mit dem ich/ wir ja auch gerade darüber nachdenken, ob eine Kooperation zwischen Netaudio und Krake Sinn machen könnte. Auch Silvio von Crazy Language war natürlich da, Gastgeber der Sonntags-Abschlußkrakelage auf der Jacky Terasse. Das kann auch eine sehr schöne Stimmung werden, vielleicht so schön, wie im Garten der Krake an diesem heutigen Abend. Das Publikum war sehr internatinal - Vertreter der Berliner Feier-Crowds suchte man vergebens. Ich würde auch sagen, der Anteil an klassischen Berlin-Touristen war eher gering. Das dürfte sich ändern, wenn die Krake ihre nächsten beiden Arme in den Suicide Circus ausstreckt, wo ein wirklich Aufsehen erregendes Lineup — und ebenfalls ein schöner Hof — die Mengen von der Warschauer Straße fangen.

Pünktlich zum Festival gibt's diese Diskussion um den Suicide Circus, gefüttert von einem Plakataushang im Kiez und flankiert von Demowagen vor dem Club. Alle Aktivitäten ziehlen darauf ab bekannt zu machen, dass Thilo Tragsdorf, seines Zeichens Enfent Terrible für die Verlierer und Bedrohten der Gentrifizierungs-Aktivitäten im Kiez, Finanzier des Clubs — und auch sein finanzieller Nutznießer ist. Der auch gleichzeitig diese Prozesse massiv und in höchstmöglichem Tempo auf dem RAW-Gelände vorantreibt. Ich persönlich habe entschieden, dass ich hier konsequent sein will und auf den Gaststatus im SC verzichte. Ich finde es indes trotzdem schwierig, alles in ein schwarz-weiß-Schema zu pressen. Ralf, der Booker vom Suicide Circus, ist sicher kein Feindbild und viele Veranstalter am Ort sind es auch nicht. Die Gäste tun wahrscheinlich auch niemandem etwas zu leide — aber darum geht's ja auch, ein Bewusstsein bei spaßorientierten Clubgängern für die Zusammenhänge der Entwicklung im Unterhaltungsangebot auf dem Platz zu fördern. Flankiert wird das Thema an einem Nebenschauplatz, dem ehemaligen "Rokoko-Garten" und jetzigem "Geheimen Garten". Hier stellt sich die Frage, wer ein rechtmäßiger Nutzer ist - und somit werden die seit Jahren tobenden Platzkonflikte weiter befeuert.

Im Garten des Kraken sitzend, denke ich ein wenig über die Dienstagswelt, das neue Büro in der Wühlischstr. und andere Prozesse nach, die mich derzeit ausfüllen. Wie sanfte Wellen wogen die Gespräche von den Nachbartischen und Grüppchen umstehender Leute in zahlreichen Sprachen durch mein Bewusstsein, schwerelose, bunte Wellen aus Schall und Klang. Ich muss in dem Moment an die Beatles und ihr Octopussy's Garden denken, und finde es als ein musikalisches Pendent zu "People Are Strange" von den Doors. Es ist eine liebenswerte Verrücktheit hinter einer Fassade von Konventionen, der hervorgekehrt werden will. Das schafft das Krake Festival. Scotch Egg indes ist meines Erachtens mehr wahnsinnig als nur verrückt. Seine Show ist eine Persiflage an Urbnes Jackass-Posertum, mit kleinen, feinen handwerklichen Tricks und Techniken, unerwarteten Sounds, Brüchen und atmosphärischen Wendungen sowie brachialer Konfrontation mit den Frequenzen aus reinem Geräusch. Sinnbild dafür ist eine leicht skurrile  Wollmütze — vielleicht eine Art Bildersturm auf die
Jungs aus der japanischen Hood? In jedem Falle aber eine Art Magic Hat für den japanischen Vulkan, für den die Musikperformance eine zivilisierte Form des Kampfsports darstellt. Auch Three Trapped Tigers und Emika können beeindrucken. Allerdings stört mich irgendwann bei Emika die etwas langatmige Endlosvariation eines elektronischen 90er Jahre Trance-Beats, zu dem mäandernd durch live gespielte außergewöhnliche Perkussion- und teilweise psychedelische Bassläufe sehr viele großartige Akzente gesetzt werden — inkl. plötzlicher Tempiwechsel, Offbeats und seltsamer elektronischer Geräusche.

Am Ende schaffe ich es noch vor dem sich massiv ankündigenden Gewitters nach Hause zu kommen. Octopussy's Garden ohne Wasser wäre ja auch kaum denkbar...


Sonntag, 3. Juli 2011

Fusion 2011

Wie schon die Jahre zuvor bin ich mit meiner Freundin Ulrike und ihren Kids nach Lärz auf's Flugfeld gedüst, um auch dieses Jahr dem Ferienkommunismus zu huldigen, vegetarisch zu essen und viel gute Musik zu hören. Diesmal gab's das große Ticketthema- da alle Fusion Tickets innerhalb von weniger als zwei Tagen ausverkauft waren - und zwar unmittelbar nach dem Start des VVK - und natülich schon im November (oder so) 2010. Demzufolge kamen eigentlich ausschließlich Leutchen, die mehr als ein halbes Jahr Zeit hatten, ihren Fusion-Trip zu planen. Also waren alle schon am Donnerstag da - Leute, die am Freitag kamen - oder gar Tagesbesucher - gab es kaum.

Es ging schon damit los, dass wir am Einlass locker eine Stunde im Stau standen - ein Feeling wie früher, wenn man Freitag am späten Nachmittag kam. Und das, obwohl schon alle ihre Karten hatten! Dann war es schon gar nicht mehr so leicht, vernünftige Zeltplätze zu finden. Autofrei versteht sich. Aber das ging dann doch. Pünktlich, als wir in Lärz ankamen, hatte es aufgehört zu regnen, ich nahm das als gutes Omen.

Die Donnerstagsnacht war dann auch trocken - und knallvoll, weil ja schon gefühlte 110% aller Besucher auf dem Platz waren, nüchtern, ausgeschlafen und in Feierlaune. Ulrike wollte erst Freitag nachkommen - und so lief ich dann mal alleine los - und fand in der ersten Nacht wenig bekannte Gesichter. Naja, ein paar Hallos gab's dann doch Alldub, Saetchmo und Azmir von Balkantronika z.B., die an dem Abend ihre Auftritte hatten. Dreher & Rhauder im Schuhkarton war mir zu heftig und auch Tanith oder David Pasternak habe ich nicht gesehen. YounANDme auf der Tanzwiese war mein Highlight der Nacht - aber auch die Roots Station hat mich richtig warm gespielt!

Der Freitag war schön, im Zelt wurde es schnell zu warm, draußen wechselten sich Sonne und Wolken ab, perfektes Festivalwetter! Scribble Gebibble am Querfeld haben mich mit ihrer Melange aus urbanen Sounds echt geflashed, SCSI-9 auf der Turmbühne ebenfalls! Ein Spaziergang zu den Bachstelzen offenbarte ein Partyuniversum, in dem ich mich wohl nie heimisch fühlen werde, egal ob's (wie früher) mitten auf dem Gelände liegt - oder (wie jetzt) als Satellit ganz am Rande.

Den ganzen Tag tauchte Ulrike nicht auf, die Kids waren aber gut versorgt und beschäftigten sich mit Abenteuer bestehen (inkl. einer verlornen und wiedergefundenen Geldbörse). Sie kam dann irgendwann am späten Abend, war aber noch nicht in Festivallaune, sodass ich auf eigene Faust losging. Ich blieb an der Trancebühne hängen und traf Gal von Jazzsteppa, der die Hauptrolle in dem abgebrochenen Gig der Dubstep-Combo zum Frequen.C One Festival im Yaam gespielt hatte. Wir rauchten nach guter Stadtindianersitte einen Friedensjoint und unterhielten uns lange über viele persönliche Dinge. Das war einer dieser echten, wahren, unbeschreiblichen, verblüffenden und ganz speziellen Fusion Momente: diese unglaubliche Energie, die in der Luft liegt, und in der alle Gesetze des Alltags in Auflösung zu sein scheinen. Zu unserer Versöhnung spielte Daksinamurti, ein Highlight, das ich noch von einer Dwarfs&Giants-Tranceparty im RAW.tempel kannte. Anschließend schlenderte ich zu Ronny aka Kraftfuttermischwerk - und traf dort endlich einen Haufen der Berliner Dubheads! Gewohnt chillig und verspult passte alles wunderbar zusammen. Hatte ich wirklich im Vorfeld der Fusion überlegt, dass dieses mal vielleicht tatsächlich das letzte Mal sein sollte? Es war doch sooo schön hier... In dieser Freitag Nacht spielten auch noch die Tanzen Hilft Crew aus Hamburg auf - und Neil Landstrumm hatte einen richtig tollen Gig auf dem Querfeld (neben der Dubbühne dieses Mal mein Lieblingsort!).

In den Morgenstunden ging's zurück ins Zelt. Und von da an nahm die Fusion einen vollkommen anderen Verlauf. Denn es begann zu regnen. Vorsichtig formuliert. Genauer gesagt brach dann das nassfeuchteste Inferno aller Zeiten aus. Es kam auf feuchten Sohlen - und blieb, natürlich ungebeten, bis Sonntag Abend. In der Samstagnacht rollte eine Gewitterfront nach der anderen über das Festivalgelände, auf 12 Stunden Dauerregen folgten zehn Stunden Starkregen mit heftigen Unwettern, der sich im Anschluss an die Gewitterfronten noch einmal in ca. 6h Dauerregen re-transformierte. Es waren, kurz gesagt, die heftigsten Regenfälle in der Region seit 10 Jahren. Dementsprechend verwandelte sich die Fusion in einen Morast, eine Schlamm- und Matschlandschaft, durchbrochen von Seen, Festivalmüll und verlorenen Kleidungsstücken.

Ich selbst blieb die ganze Zeit im Zelt, nur hinausgezwungen von zwei, drei Dixie-Besuchsunterbrechungen mit Regenschirm. Viele Besucher bauten im strömenden Regen das Zelt ab und fuhren Sonntag Mittag nach Hause. Ich habe derweil Quintana Roo von James Triptee Jr. ausgelesen. Tillmann, der mitgereiste Kumpel von Yannick, hatte sich ausschließlich auf Sommer eingestellt und musste am Sonntag ebenfalls heimfahren, da all seine Klamotten sowie das Zelt (das ich bereits zu Beginn des Aufenthalts mit Gaffa geflickt hatte) durchnässt waren. Ich lieh im meine Flip-Flops, da sein einziges Paar Schuhe ebenfalls klatschnass war. Yannick setzte bei seiner Mutter durch, dass er seinen Freund begleiten durfte, Mikal blieb bei uns. Leider aber hatte Yannick ein kleines, aber wesentliches Detail übersehen: Er war noch im Besitz meines Autoschlüssels, sodass er, kaum zuhause angekomen, gleich wieder zurück kommen konnte... Dumm gelaufen, sagen wir mal...

Dann hörte es endlich auf zu regnen. Sonntag Nachmittag ging's also weiter mit der aktiven Teilnahme am Festival. Jelabee Cartel auf der Tanzwiese musste ich mir unbedingt anschauen - die Inder spielen ja demnächst in der Dienstagswelt. Kombinat 100, Son Kite, M.A.N.D.Y. - und dann Alle Farben im Salon de Baille. Eigentlich hatte ich mich mit Ulrike für unseren gemeinsamen Bekannten verabredet, aber wir haben uns dann doch wieder verpasst. Keine Seltenheit... Dafür traf ich Steen und Hugo, mit denen ich im Backstage dem Swing-Special von Frans (in seiner Seemannsuniform) zuhörte und -schaute. Ein paar Minuten Atmosphere konnten mir an dem Abend sogar noch einen Eindruck davon geben, dass Hip Hop auch heute noch guten Sound bieten kann.

Am Montag ging's dann entspannt zurück nach Berlin. Nachdem es in der Nacht zum Montag resp. am Vormittag noch einmal sieben Stunden Landregen gab, empfanden wir es irgendwie als Privileg, dass Nachmittags der Regen aufhörte und wir das nasse Zeug wenigstens im Trockenen einpacken konnten. Jedenfalls ist klar, das war kein Event für Schönwetter-Raver...

Und nächstes Jahr? Ich weiß noch nicht...


Dienstag, 17. Mai 2011

Netaudio London 2011

Tja - Netaudio London 2011 - das war erneut eine komplett andere Veranstaltung als 2006 und 2008. Mit cc hatte das gar nicht mehr viel zu tun - aber das Programm war trotzdem aufregend und die Venues - wie bereits die voran gegangenen - exzellent gewählt!

Don, Gutti und ich hatten demzufolge auch mächtig viel Spaß in London. Es war toll, die ganzen Freunde wieder zusehen, ein wenig mitzuhelfen in den letzten Stunden - und während des Festivals - und dann haben wir ja auch noch das Projekt "Village Underground" besucht, ein Kunstprojekt, dass in erster Linie dadurch auffällt, dass sie alte, ausrangierte Waggons auf das Dach eines alten Warehouse in der Innenstadt gesetzt - und zu Ateliers und Produktionsstätten umfunktioniert haben. Tamsin, die Leiterin des Projekts, hat uns rumgeführt, alles erklärt - und hatte sogar noch leckeres Weed für einen gemütliches Nachmittagsschmauch... In der Eventhalle unten drunten liefen gerade die Vorbereitungen für einen 40er-Jahre Abend (mit Fliegeralarm, Essensmarken, Alugeschirr usw.) - und zum Abschluss warfen wir auch noch ein Blick ins ehemalige Bordell an der Ecke, was die Künstlertruppe nun für ihre Zwecke umfunktioniert...

Da wir den halben Tag über den Info Point im Roundhouse betreuten - und den anderen halben Tag mit Catering und Transport zwischen dem Roundhosue (Tagesprogramm) und dem Koko (Nachtprogramm) verbrachten, habe ich, neben einigen elektronischen Spielerein im Ausstellungsrondell des Roundhouse  die schönsten Erinnerungen ans Koko und das Programm. Eine wunderschöne Venue mit Gold, rotem Samt, 1000 Separées und einer riesigen Bühne. Das FOH scheint freischwebend in sechs Meter Höhe zu liegen - und ist ein unglaublich geiler Arbeitsplatz für einen Soundtechniker...


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Ich re-poste hier auch noch mal - und zur Ergänzung -mal eine Antwort,  die ich im Anschluss and das diesjährige Festival "Netaudio London" auf ein Posting des Bloggers, Nerds und cc-Sympathisanten Pete Cogle über die Plattform netlabelism verfasste. Hier ist der Originalpost:

XR says:

unfortunately I wasn’t able to follow any of the discussions on sunday but had a stroll through the sound installations, listened to some newcomer bands/ musicians, and followed the whole show at koko’s during the late evening. all i experienced was entertaining, fresh, thought- and playful – as well as there was always an idea behind what’s going on, which interested me.

i am quite certain the organizers are significantly far away from marxist ideology and not promoting anti-cpitalistic ideas by/ for themselves too hard. so i would turn the above mentioned focus of criticism to the question of how much of the content presented on a conference one is able/ willing to control during the process of the programmation of a festival. how much of the content and thoughts presented would you like to filter? i think, the intention was to find links between experimental music (scene) on one side and the political impetus it might has on the other. 
i remeber a disussion we had during the netaudio berlin festival where one participant was arguing exactly the same way – promoting the idea that artists don’t need money because what they do is art – and therefor free of financial aspects by the very concept. (hard to understand? well…) making money from music is still perspected by a relevant group of grail’s guardians as the fall from grace. exactly the opposite of what 99% of all the artists expect, btw. one of the big disadvantages of that development is, that the future perspectives are very limited – as the netlabel landscape is condemned to stuck with freaks, newcomers and amateurs only. no misunderstandings:

i think this is ok on one side – but a shame on the other – as i see it as a waste of so many valuable opportunities… regarded in this light, the direction the netaudio london festival takes: shifitng it’s focus away from netlabels and cc towards experimental electronics – is not supposed to be finished – as the anti-capitalisitc topic might indicate. another reason to ban ideology (not the netlabel please..!) from any festival and musical concept.

a much debated point in the forefield of the festival amongst the organizers was to change its name – due to the fact that the festival should not focus on netlabls and cc music any more and expectations might go wrong. the festival organizers in the end decided to stay with the name they had chosen in 2006 for their first festival – as they since than promote the festival’s idea is to present “sounds from the internet” and creative (art) works related to the net as a driving force. that does not necessarily mean cc as a licence and netlabel as a platform of distribution and promotion. while it was the main focus in 2006 is has dropped down to a 50/50 equivalent in 2008 and developed to a small side aspect of few participants on the newcomer’s stage in 2011. if you’re a bit hardboiled you might consider this as a seismograph of the netaudio activities – wasting its potential with full hands, open hearts and a smile…

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Donnerstag, 3. Februar 2011

der circus - Eine Ode an den Dub

Na also, nun gibt's ja doch eine Review der Veranstaltung im Netz... und zwar hier! Irgendwie gibt der Blogeintrag genau meine Stimmung wieder, die ich auch als Veranstalter hatte - toll! Dabei ist der Autor weder ein Bekannter noch von mir bestochen...

Zuallererst, BIG UP an alle Sound Systems, Sound Engineers, Produzenten, DJs, MCs und Produzenten des Dub. Euch gebührt große Ehre. Nicht minder würdig auch unsere tanzenden AnbeterInnen des Sounds, die Nacht für Nacht auf’s Neue beweisen, welche Kraft in dieser Musik steckt. Über die Jahrzehnte wurde uns nachfolgenden Generationen ein Klanguniversum geschaffen, welches zu betreten und zu erkunden uns eines der schönsten Gefühle ist. Wir wandern und streifen umher. Immer auf der Suche nach mehr.


Vor zwei Wochen spielten, zufällig entdeckt, ALPHA & OMEGA und trotz schmaler Anlage konnte diese dem Wirken des Dub nicht entgegenstehen. Nachdem SCIENTIST am Mittwoch mit mehreren Stunden Verspätung im Café Zapata an der Musik von I-REVELATION SOUND die Amps zum Glühen bringen konnte: Wie würde sich ein Dubereignis erst einmal wieder im Yaam anfühlen?Zion Train vor einigen Jahren waren gut in Erinnerung geblieben.


___TSUNAMI WAZAHARI___

23:23
Ich komme hinein und es spielen bereits TSUNAMI WAZAHARI. Der Dub erfüllt die Luft. Ein Sprenkeln und Knistern an allen Ecken und Enden. Die Masse beginnt zu wippen und harret dem, was da kommen solle. Einige bekannte Gesichter zeigen sich und entschwinden alsbald. Es ist dabei schön zu wissen in mehr oder weniger bekannten Gewässern zu fahren. Sie spielen in angenehm elektronischer Manier und müssen sich zurückhalten, mehr Druck auszuüben. Als hätten sie gerade erst angefangen; mit jedem Stück. Aber sie müssen sich zügeln, noch ist die Masse nicht warm, noch ist nicht die Zeit.

___AL HACA SOUND___

 

Nach dem ersten Konzert beginnt, am anderen Ende des Saales zwischen zwei leider nicht dazugeschalteten Boxentürmen, AL-HACA SOUND mit einem derben Track, der viel bekannte und typische Samples vereint. Es klingt verdächtig nach On-U Sound. In Gedanken die Frage:
“Wer dreht da so wild an den Knöpfen ‘rum?”
Diese gedankliche Bewegung verspült die Gehirngänge, befreit vom Ballast des Alltags und lässt nicht anderes zu außer sich selbst. “an alle – an alle” fliegt zwischen den Songs durch den Raum und stimmt uns ein auf entgrenzte Klangerfahrungen am Rande des Wahrnehmungsbereiches. Wir betreten eine Arena, in der Klang mehr erspürt als gehört wird. Wenn dein Körper nicht mehr anders kann, als sich zu bewegen, da er schon längst von den Schallwellen in Vibrationen versetzt wird.

In wohlig warme Bässe gehüllt beobachten wir ferner das Treiben auf der Bühne und stellen eine rege Aktivität fest. Und anstatt der zwei Künstler von eben tauchen auffälligerweise T-Shirts und Hoodies mit Aufschriften wie “Jarring Effects” oder “High Tone” auf! Die allmählich in Wallung geratenen Tänzer aber üben sich in vornehmer Zurückhaltung und gestatten den Meistern des Fachs die nötige Ruhe beim doch teilweise etwas hektisch erscheinenden Aufbau. Der dann auch gleich etwa eineinhalb Stunden einnimmt. Konzentrierte Gesichter wissen was sie tun. Alles geschieht in routinemäßiger Schnelligkeit und doch nie übereilt. Die Werkzeuge der Klangbaumeister verteilen sich über Boden und Pulte, ein Kabelkonglomerat ungeahnten Ausmaßes für diesen bescheidenen Rahmen produzierend. Wir dürfen gespannt sein.

___HIGH TONE___

Die Könige des französischen Dub.  


Elektronische Spielereien direkt in deinem Herzen. Du zappelst freudig und bist doch in Ruhe. Die Meute erdrückt dich, doch du stehst aufrecht.

Es kommen mehr Gäste hinzu, es ist bedrückend eng und es wird Zeit Obacht zu geben, wo sich die einem genehmen Mitmenschen aufhalten. Einmal und immer wieder im Kreise der Nächsten angelangt, lebt es sich denn ganz ungeniert: Körper bersten, Glieder fliegen, Hüften schwingen! Der Saal tobt und die da auf der Bühne haben es schwer, gegenzuhalten. Jedes Geräusch ist eine Offenbarung, jeder Hall und jedes Echo lassen deine Nackenhaare tanzen, bis du selbst in dem unglaublichen Kribbeln aufgehst, das jemandem beim Erdenken dieser Komposition vorgeschwebt sein muss.

Und so zieht es sich. Stunden über Stunden vergehen im abgeschlossenen Raum des Schalls. Denn Zeit, die ist relativ. Keine Bewegung die auch nur unbeachtet vorübergehen würde. Deine Sinne sind geschärft und die Musik, massiv über allem stehend, sorgt für die Verschränkung mit denen der andern. Deine Ohren werden an die Hand genommen, Schritt für Schritt einzutauchen in Motive und Strukturen von ungeahnter Form und Harmonie. Die Mächtigkeit des Basses verschmilzt den ganzen Raum zu einem einzigen Klangkörper. Denn jede Zelle resoniert, jedes Atom ist am Tanz der Tänze beteiligt. Das Sound System lädt zum Ball.

Doch auch jeder Kämpfer wird einmal müde und muss sich erholen. Mit letzten verzweifelten Schreiexplosionen kann das Publikum noch das letzte Quentchen aus den Künstlern mobilisieren, es gibt Zugaben, denen nicht einmal die Fusion würdig wäre. Doch dann, es ist vollbracht, genügend Kraft zu Hitze gemacht. Körper & Geist entleert, nach mehr gierend, werden sie ihrem Schicksal überlassen und freundlich empfangen von den Dubs AL HACAs.

___AL HACA PART 2___


Wir, also zurückgelassen in einem sich immer schneller leerenden Raum, füllen unsere Energiereserven wieder auf und kommen allmählich wieder zur Ruhe. AL HACA nehmen uns gefangen in den dunkelsten Ecken unserer bloßgestellten Seelen und verschaffen Ablenkung von der eben erlittenen Tortur. Die Knochen noch zitternd, schallt der “Master of Dub” durch den Raum, statt mit 45 auf 33. Mister Lee Scratch Perry dubbt uns zusätzlich verlangsamt in seine verdrogten Gehirngänge und stellt sie auf ausladenden Leinwänden aus.
“AN ALLE – AN ALLE” zwitschert es bekannterweise wieder ein paar mal über unseren Köpfen. Wir wissen, wir sind im sicheren Hafen angekommen, nurmehr um das nächste Auslaufen vorzubereiten. “AL HACA – AL HACA” wenn man genau hinhört. AL HACA.

Wenn ein Name diesen Abend überraschen konnte, dann der des Soundsystems mit den verspultesten Tracks und den herrlichsten Reminiszenzen. Aber wieder, es regt sich etwas auf der Bühne. Die vielleicht schon aus dem Supermolly oder anderswo her bekannten Gesichter von jazzsteppa bauen sich auf. Die Meute harrt einmal mehr dem, was da kommen solle. Noch schweben eifrigste Klangschnipsel durch die Lüfte. Hab’ ich schon AL HACA gesagt? AL HACA AL HACA!

___jazzsteppa___


Die Technik und die Band haben den Soundcheck hinter sich gebracht und bringen gemeinsam die ersten Töne des Konzertes auf die Bühne. Nicht jedem schmeckt ihr Sound, nicht jeder hat noch Energie übrig und so erhalte ich am Rande des Konzerts auch kurz die Möglichkeit, mit AL-HACA zu sprechen und man bestätigte mir mein Gefühl:

Der Mixmaster Adrian Sherwood himself zeichnete für die einleitende goldene Scheibe im ersten Set verantwortlich. DUB SYNDICATE, AFRICAN HEAD CHARGE, AUDIO ACTIVE, NEW AGE STEPPERS, REVOLUTIONARY DUB WARRIORS und weitere betreten die Bühne der Gefühle. Leipzig, Wien, Greifswald, Berlin, paar Mal auf dem Sziget usw. – die Jungs haben schon ein bischen von der Welt gesehen und das kann man hören.

Die gerade spielende Band dann doch wieder nicht. Als schließlich doch mal ein paar Titel aus den Boxen tröpfeln, scheint wieder etwas an der Monitorkonfiguration nicht zu stimmen: Die Musik ist aus. Und dann mal wieder an. Und wieder aus. Der Reaktionsgabe der Backing-DJs gedankt bedeutet dies für uns aber kein Ende der Musik, sondern lediglich den Abgang Jazzsteppas von der Bühne. Kein Verlust. Während JAZZSTEPPA die Bühne leer räumen und kaum verrichteter Dinge das Yaam verlassen, ereignet sich vor der soeben erst entdeckten, gerade geschlossenen Lounge DER Moment: Ein Techniker trifft #2 und nochwen, wir vom weggehenden Lounge-DJ verdattert zurückgelassen blöd rumstehend, werden Zeuge folgender vernichtenden Kritik an JAZZSTEPPA:
“Sowas unprofessionelles habe ich noch nie erlebt! Wenn DER mich noch einmal anquatscht, schlag ich ihm in die Fresse, echt! Das kann doch nicht sein! Was soll das?”
Der Name dieser Band sollte in Zukunft nur noch klein, am besten jedoch gar nicht mehr geschrieben werden.

___FADE AWAY___

 

DJ SAIMAN ergreift die Plattenspieler und geleitet uns akustisch zur Tür. Was folgt, ist nur noch Schadensbegrenzung. Viele Gäste verlassen empört das Gelände und die Kasse am Einlass wird schnell weggeräumt, bevor noch mehr ihr Geld zurückverlangen. Aber was bleibt ist ein wunderschöner Abend, mit ausgezeichneten Musikern und immernoch diesem Gefühl, an etwas ganz Besonderem teil gehabt zu haben. Schnell verteilen sich noch ein Paar Sticker, um vielleicht das ein oder andere Gesicht im circus einmal ähnlich bespaßen zu dürfen. To Be Announced.

HIGH TONE, AL-HACA, TSUNAMI WAZAHARI
Wiedersehen ist ein Muss!

Wer es ohne tiefbassiges Nackenkribbeln nicht aushalten kann, sei also zum circus feature zu Beginn des neuen Jahres eingeladen. Dank spezieller Leichenkellerakustik ist es uns ein Leichtes, mit vergleichsweise geringen Mühen über viele Stunden eine vielleicht nicht ganz unbekannte Athmosphäre aufrecht zu erhalten.
Komm.

  1. AL HACA soundsystem wrote: und weil es so schön war hier ein mitschnitt des 2.parts unseres auftritts :)



Montag, 30. August 2010

3000☼ Grad Festival: Drum'n'Bass Theater in Lärz


Vom 27. bis 29. August sind wir als Bühnenpartner auf das 3000-Grad Festival zum Fusion-Gelände nach Lärz gefahren, um dem sog. Sommer ein (vor-)letztes regenfreies Wochenende abzutrotzen. Dabei hatte das Drama schon zweieinhalb Wochen zuvor begonnen, als das Festival an seinem ursprünglichen Ort drei Tage vor Festivalbeginn von den lokalen Behörden abgesagt wurde. Duisburg wirft seine langen Schatten - und wir danken Dir, McSchaller...

Dem Kulturkosmos Müritz e.V., Veranstalter des alljährlichen Fusion Festivals, ist es zu verdanken, dass wir am Ende des Monats doch noch das nicht mehr für möglich gehaltene Wunder einer kurzfristigen Ersatzlösung erleben durften... Und was das für eine Feier wurde!! Vor und nach dem Festival wurde es verflucht nass, dazwischen lag ein grandioses - und wahrscheinlich jetzt schon legendäres - und mit ca. 5000 Besuchern wirklich wunderbares Festival.

Begleitet wurden wir von der Multimedia-Großfamilie, -Theaterzirkus und - Künstlerkommune "Lux Collective", die 3000 Kilometer von Andalusien bis Berlin zurücklegte, um auch mit uns ein paar verrückte und wunderbare Tage zu verbringen. Mit ihrem Drum'n'Bass Theater, Kinderprogramm und Livekonzerten gaben sie dem Festival eine ganz besondere, verspielte, bunte und einfach zauberhafte Note. Wer sie nicht kennt, sollte dies unbedingt nachholen. Vielleicht gelingt es uns, trotz der enormen finanziellen Herausforderungen, sie noch einmal nach Berlin und/oder Umgebung zu holen...

Ich bin mir fast sicher, dass das schöne Fest, veranstaltet von den Jungs von Acker Rec. / 3000 Grad zur festen Institution im elektronischen Festivalzirkus mausern wird. Mit viel Liebe zum Detail schaukelte sich die allgemeine Stimmung in eine wahre Euphorie, als das befürchtete Regeninferno glatt ausblieb - und stattdessen die Sonne auf die Tanzfläche strahlte... Immer wieder, ja!!

Auf der Website zum 3000 Grad Festival gibt's noch mehr Bilder und Videos!

Freitag, 9. Oktober 2009

Netaudio Festival 2009: Gema raus!

Folgender Artikel erschien in der Berliner Zeitung am 08.10.2009. Geschrieben hat ihn Timon Engelhardt, ein langjähriger Wegbegleiter unserer Netaudio-Aktivitäten. Hier ist der Link zum Artikel.

Im Internet ist ein Netz aus freien Labels entstanden -

jetzt präsentieren die sich in der Maria

Antina Michels, Don Ludwig, Raimund Reintjes und Timor Kodal (v. l.) sind die Initiatoren des

Netaudiofestivals in der Maria. Foto: Benjamin Pritzkuleit,

Berlin - Samstagnacht, Friedrichshain, Revaler Straße. Rund um das Gelände des vor einigen Wochen vom Bauamt geschlossenen RAW-Tempels streifen Grüppchen von Jugendlichen durch die Dunkelheit. Viele kommen aus den umliegenden Hostels, sagt einer, der es wissen muss, denn er gehört zu den Betreibern des Clubs, vor dessen Tür sich gegen ein Uhr die erste Schlange bildet. Netlag, die erste komplett Gema-freie Netaudio-Veranstaltung Europas, feiert an diesem Abend mit DJs und Liveacts. Die Protagonisten kommen aus dem eigenen Umfeld, aber auch aus dem europäischen Ausland. Weder Werbebanner noch aufwendige Lichtinstallationen bestimmen das Bild. Der Blick ist hier aufs Wesentliche und damit in erster Linie auf eine für die Musiker akzeptable Anlage gerichtet. Die sorgt in den nächsten acht Stunden auch dafür, dass sich die etwa 300 Gäste des Clubs vor allem auf die Musik und das nächste Getränk konzentrieren können: Berlin - Techno City wie aus dem Reiseführer.

Netlag ist Teil eines wurzelartigen Geflechts aus Blogs, Labels und Foren, das sich rund um den Globus entwickelt und organisiert hat - im Internet. Mal mehr, mal weniger von politischen Motiven und einer Kritik an den Strukturen und Zwängen der Musikindustrie getrieben, haben sich hier in den vergangenen Jahren Produzenten eigene Veröffentlichungsplattformen geschaffen. Schon jetzt haben sie die Musiklandschaft verändert. "Während die Majors lange Zeit über die rückläufigen Tonträgerverkaufszahlen herumlamentierten und die Tauschbörsenkultur verteufelten, haben die Netlabel die Möglichkeiten erkannt, die das Internet für den Vertrieb von Musik eröffnet", sagt Timor Kodal, selbst Netlabel-Musiker.

Alles ganz legal

Die unter Creative Commons vertriebene Musik bietet aber auch den Kunden eine ganze Reihe von Möglichkeiten. Neben dem einfachen Download ist meistens auch das Kopieren, Weiterverbreiten und Bearbeiten erlaubt - alles ganz legal an der Gema vorbei. [.] Dass über das Internet als Bühne und Verwertungsinstanz noch viel Diskussionsbedarf besteht, zeigt ein Blick in das Tagesprogramm des am nächsten Wochenende zum zweiten Mal in Berlin stattfindenden Netaudiofestivals. In Workshops und Diskussionen sollen die aktuellen Probleme der Netlabels geklärt werden; Begriffe wie Missbrauchsschutz, EU-Recht und immer wieder Markt durchziehen die Ankündigungen. Für weniger theoretisch am Geschehen Interessierte bietet das Wochenende aber vor allem eine ganz praktische Form der Teilhabe: Etwas abseits des eigentlichen Festivalorts, aber gerade im Mauerfall-Jubiläumsjahr interessant, soll die geplante Sammlung von Field Recordings endlich Gestalt annehmen - Umgebungs- und Naturgeräusche also, die am ehemaligen Mauerstreifen entlang der Spree gesammelt werden sollen. Hier bauen die Veranstalter auf die Initiative der Besucher: Jeder ist eingeladen, Aufnahmen zu machen und auf der Festivalhomepage hochzuladen, die besten Beiträge werden präsentiert.

Von Minimal bis Drone

Doch vor allem das Nachtprogramm besticht mit seinem selbst für Berliner Verhältnisse aufregenden Line-Up, und es sind nicht unbedingt nur für Nerds bekannte Acts dabei. Weit mehr als hundert Künstler von vier Kontinenten werden an den drei Tagen und Nächten auf insgesamt acht
Floors die verschiedensten Spielarten elektronischer Musik darbieten: Neben den bekannten Variationen von Minimal, House und Techno finden ebenso sonst nicht allzu präsente Musikrichtungen ihren Platz. Ambient und Dubstep, Breakbeats und Triphop, Noise und Drone - der Stile sind viele und somit auch der Möglichkeiten, Unbekanntes und Abseitiges zu entdecken.

Auch wenn der Fokus des diesjährigen Netaudiofestivals ganz klar auf Künstlern aus osteuropäischen Ländern liegt, ist der Berliner Underground ebenso mit bekannten DJs und Liveacts vertreten. Unterstützung kommt ebenfalls von bekannteren Protagonisten der Technoszene: Der in den 90er-Jahren vor allem als Produzent von sphärischem Dub-Techno bekannt gewordene Dirk Diggler zum Beispiel, der vor Kurzem mit seinem Album "Decade One" brillierte, wird ebenso mit einem DJ-Set vertreten sein wie das Berliner Techno-Urgestein Tanith und Alex Meshkov vom russischen Vorzeige-Netlabel Deepmix. Selbst der Vertrieb Wordandsound, mit der Bezahl-Downloadplattform Whatpeopleplay bekannt geworden, schickt mit Marc Schneider aus Hamburg und Peter Armster aus Berlin zwei Mitwirkende ins Rennen.
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Netaudiofestival
Donnerstag: Live u.a. Pheek, Klartraum, Dreher & sm.art
Freitag:Live u.a. Goldwill, Erich Lesovsky; DJs u.a. Tanith, Marc Schneider
Sonnabend: Live u.a. Disrupt, SCSI-9, Marco Fürstenberg, Kraftfuttermischwerk

Alle Partys beginnen um 21 Uhr in der Maria am Ufer, Stralauer Platz 34/35, Friedrichshain

www.netaudioberlin.de/
www.net-lag.de/

Donnerstag, 1. Oktober 2009

Popkomm minus illegal

Artikel von mir im proud-Magazin, 10/2009, S. 29


Der King of Pop ist tot. Die Popkomm, the Circus of Pop, wohl auch. Schuld daran sind laut Dieter Gorny die illegalen Downloads. O.k., jammern hilft manchmal. Aber was soll es bringen, wenn die etablierten Musikverlage technologische und gesellschaftliche Entwicklungen ignorieren und stattdessen lieber Druck auf die Politik ausüben? Richtig ist, dass der Umsatz aus dem Verkauf von CDs und anderer Tonträger in den letzten zehn Jahren um mehr als 40 Prozent zurückgegangen ist. Richtig ist auch, dass das viel mit dem Internet zu tun hat. Aber das Internet ist weit mehr als illegale Tauschbörsen. Internet - das ist auch MySpace, Musikblogs oder Netlabels. Nahezu alles, was die Musikbranche reproduziert anzubieten hat, ist mittlerweile online verfügbar, und vieles davon tatsächlich ganz legal.
Im Gegensatz zu den zahlreichen Tauschbörsen bieten seit einem knappen Jahrzehnt eine wachsende Zahl von Netlabels die Musik ihrer Künstler zum legalen Download an. Und zwar kostenlos. Netlabels sind Labels, die ihre Musik über ihre Plattformen im Internet anbieten. Sie veröffentlichen ihre digitalen Releases zumeist im mp3- oder flac-Format, erstellen Coverart und Künstlerprofile - und verfolgen in erster Linie das Ziel, Aufmerksamkeit für den Künstler und seine Musik zu erzeugen. Sie verstehen sich zumeist als Promotionplattform für neue, unerhöhrte Sounds. Ihre Künstler und deren
Musik stellen eine Art Bodensatz dar, aus denen sich die Stars von morgen generieren.

Der Unterschied zu dem über mediale Inszenierung erfolgten Weg zum Superstar und einer auf massenhaften Verkauf von Tonträgern ausgerichteten Systematik ist der, dass sich, bis es soweit ist, niemand die Finger verbrennt. Dass niemand horrende Summen investiert, die es nach sich ziehen, den investierten Promotionaufwand auf Gedeih und Verderb wieder einspielen zu müssen. Hier verschuldet sich kein Künstler über die nächsten Jahre, um sein Publikum zu finden, hier muss niemand zu Stefan Raab oder durch die Autohäuser touren, um irgendwelche Verpflichtungen gegenüber einer unstillbar hungrigen Musikindustrie abzudienen. Die Künstler bieten ihre Musik schlicht und einfach einem internationalen Publikum an, ohne dass das Label den Sound glattschleift oder an einen vermeintlichen Hörergeschmack anpasst. Hier entscheidet der Künstler im Rahmen der sog. "Creative Commons"-Lizenzen selbst darüber, welche Rechte an seinem Werk er behalten will und welche er an die zukünftigen Nutzer überträgt. Downloaden? Auf CD brennen? An Freunde verschenken? Samplen? Remixen? In Clubs abspielen? Je nachdem - und beim nächsten Mal vielleicht auch anders - und zwar solange, bis sich ein Publikum gefunden hat was auch zu Konzerten kommt und Tonträger oder T-Shirts kaufen will. Oder ein Verleger kommt und einen Vertrag anbietet zu fairen Konditionen. Dann fangen auch diese Künstler an, Geld zu verdienen - und zwar ohne sich vorher über beide Ohren gegenüber den Dieter Gornys dieser Welt zu verschulden, ihre Seele zu verkaufen oder den eigenen Sound auf den perfekt produzierten CDs für die von der Plattenfirma anvisierte Zielgruppe nicht mehr wieder zu erkennen.
Bis dahin ist es nach wie vor ein weiter Weg. Viele, die ihn beschreiten, werden ihn auch nicht zuende gehen. Sie werden Hobbymusiker bleiben, werden es nie in die Plattenregale der Musikläden schaffen oder vor tausenden begeisterten Fans Konzerte geben. Trotzdem werden Menschen in aller Welt ihre Musik kennengelernt haben - und die Chance ist groß, dass durch unmittelbare Kontakte zwischen Musikliebhaber und Künstler weit mehr entsteht als eine distanzierte Beziehung zwischen Produzent und Konsument. Viel wahrscheinlicher entstehen stattdessen internationale Netzwerke, Freundschaften oder spannende Kooperationen mit anderen Künstlern. Es geht (noch) nicht um Image oder Hype, nicht um Verkaufszahlen oder Möglichkeiten des Cross-Selling, sondern um einen konkreten Erfahrungs- und Ideenaustausch. Ein solcher Ansatz definiert den Wert von Musik nicht in erster Linie monetär sondern darüber, ob sie in der Lage ist, Menschen zu begeistern und zu inspirieren. Es ist eine Ökonomie von Aufmerksamkeit, die dem Ganzen zugrunde liegt. Und das kann sich durchaus auch finanziell auszahlen. Und weil das so ist, springen zunehmend auch etablierte Künstler auf den Trend auf, ihre Musik zu Teilen auch kostenfrei über das Internet anzubieten.
Vom 08. bis 11. Oktober trifft sich in Berlin die internationale Netaudioszene, bestehnd aus Netlabelbetreibern und den Künstlern, die über sie veröffentlichen. Aus Podcastern und Experten der Creative Commons, digitalen Distributoren, Fieldrecording Künstlern und einer ganzen Reihe
Kreativen aus weiteren Disziplinen, die sich auf die Suche nach einer Alternative zu den herkömmlichen Strukturen im Musikbusiness begeben haben. Von Donnerstag bis zum frühen Sonntagmorgen werden auf dem diesjährigen Netaudiofestival in der Maria am Ostbahnhof rund 150 Künstler aus 27 Nationen auftreten. Das Festival, das insgesamt bereits zum fünften Mal stattfindet, steht dieses Jahr unter dem Motto East meets West - da die Veranstalter im zwanzigsten Jahr des Mauerfalls ein besonderes Augenmerk auf die Künstler, Label und Strukturen in Osteuropa - aber auch an den Nahtstellen zwischen Orient und Okzident - legen wollen. Dazu haben sie, neben Künstlern zahlreicher westeuropäischer Länder auch solche aus Weißrussland und der Ukraine, Polen, Marokko, Russland, Tschechien, der Türkei, Bosnien, Serbien und Ungarn eingeladen. Mit Kanada, den USA und Australien schließlich schaut das Festival musikalisch auch über den europäischen Rahmen weit hinaus. Die stilistische Bandbreite umfasst die verschiedenen Spielarten der elektronischen Musik wie Techno, Minimal und House - aber auch TripHop, Dub, Nujazz, Pop, Dubstep, HipHop, Chiptunes, Drum'n'Bass, Techdub und ein Experimental Floor werden geboten. Und tatsächlich sind neben wohlklingenden Namen aus der internationalen Netaudio-Szene auch zahlreiche weit über die Szene hinaus bekannte Künstler dabei: SCSI-9 beispielsweise oder D.Diggler, Tanith oder Erich Lesowski, Marko Fürstenberg oder Marc Schneider dürften auch bei dem ein- oder anderen Vinyl- oder CD-Liebhaber den Puls schneller schlagen lassen. Überdies erwähnenswert spielt die große Mehrheit der angekündigten Künstler live.

Doch auf dem Netaudio Festival 2009 geht es nicht nur um die Musik an sich: In einem kostenfreien und öffentlichen Tagesprogramm werden zahlreiche Workshops, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen zu verschiedenen Aspekten der digitalen Musikszene stattfinden. Das reicht vom Synthesizer Workshop über eine Einführung in Ableton Live!, von Creative Commons Filmemachen über die Diskussion der Ergebnisse der Alltogethernow-Konferenz, von einer umfangreichen Netlabel-Messe und Netaudio-Ping-Pong bis hin zu zahreichen Showcases, Performances und weiteren Kunstformen.
Hinter dem Festival steht als Ausrichter der Verein Netaudio e.V., dessen Mitglieder und Macher seit Jahren in der internationalen Netaudioszene aktiv sind. Mit Gleichgesinnten in London veranstalten sie das Festival im jährlichen Wechsel zwischen den beiden Städten. Und mit dem italienischen
nettare-Netzwerk sowie netaudio.es aus Barcelona haben sie sich im Zentrum eines europäischen Netzwerks etabliert, was dieses Jahr seine Kontakte nach Osteuropa erweitern will. Mittlerweile ist auch das Land Berlin auf die Aktivitäten der Netaudio-Promoter aufmerksam geworden und unterstützt seit diesem Jahr das Festival im Rahmen des Hauptstadtkulturfonds. Das wiederum zeigt, dass zumindest in Berlin einige Verantwortliche erkannt haben, dass manch alte Zugpferde der Creative Industries ihre Kraft verloren haben und es dringend geboten ist, nach neuen Wegen und Mechanismen Ausschau zu halten, den Kompetenzvorsprung dieser Stadt aufrecht zu erhalten. Auf dem Netaudio Festival scheint man an einer ganzen Menge davon zu arbeiten.

Das komplette Programm des Festivals findet ihr unter www.netaudioberlin.de
Proud konnte von den Organisatoren 3x2 Festivaltickets für Euch rausleiern.

Mittwoch, 16. September 2009

Netaudio Berlin 2009 - A Spectacular Creative Commons Festival

The following interview was posted in the international edition of "Phlow" magazine. Link to the original posting.

Don Ludwig, Antina Michels and Raimund Reintjes prepared one - if not the most - exciting creative commons festival in 2009. Netaudio Berlin 2009 will present nearly hundred artists, groups or music projects making noise in the free culture movement called netaudio. Since weeks music lovers from all over europe wait for the festival. We interviewed Antina and Raimund to get to know what will happen in october in Berlin.



After two years the second Netaudio Gathering in Berlin will open its gates from 8th to the 11th of October. Who is taking part in the Netaudio Berlin Festival and who are the main creators of the event?

Raimund: Who is taking part? It would be a long list if we were to mention all the artists, speakers and participants! Solely the night program from Thursday to Saturday contains close to a hundred artists, groups or music projects. The free daytime program on Friday and Saturday is also packed with workshops, lectures, discussions, showcases and various art installations resp. performances. It would be better for you to flip through the lineup on our website.

Your second question is a lot easier to answer. The main driving forces behind the Netaudio Festival Berlin are – ladies first – Antina Michels, a European Ethnographer and author of the book about "Netlabels – social networks on- and offline", Don Ludwig – free Graphic Designer and long time Netaudio activist (Pentagonik, Netlag etc.) and Raimund Reintjes, an Event Manager and Netaudio Supporter, who emblazed the initial flame to the Berlin Festival activities in 2007. But without the network of activists: Henry, Sarah, Jon, Timor, Kevin, Kirsten, Hannes, Volker, Saskia and some more friends surrounding us, a festival of this velocity would still only be a dream.

What is the main driving force behind your engagement for the free music movement, also known as creative commons music or netaudio? Why do you have such a love for this culture so that you spend so much of your time creating such a festival?

Raimund: It’s the strong belief that there should be a fair and a strong relationship between the artist (formerly known as the producer), the music (formerly known as the product) and the listener (formerly known as the consumer). Creative Commons on the legal – and netlabels on the physical side of life provide the best starting point. I have realized in the past 15-20 years to re-organize the perverted relations within the music business we have to start from the very beginning, to bring the whole thing back on its feet again – but so many artists, music lovers and professionals are working on this subject.
It’s exciting to see the growing impact and effects this movement has had on the rules of the game already. Music is basically something to touch your heart and soul – not for the profit of a few big companies. Netaudio is bringing dignity back into the music business by eliminating the financial aspect as the roots of engagement. This is not the end of the story – but it’s meant to wipe out the conditions of greed and replace them with an economy of trust and attention.


Antina: The festival is the practical realisation of more theoretical thoughts in my book. The festival also stands for the "face to face" interactions, stepping away from the internet as Andi Studer from the Netaudio Festival London 2008 has previously remarked: "The offline festival for online music."

Netaudio needs the real life physical exchange – and thrives from it. The participants and guests will have personable experiences together; strengthening the relationships already formed online and making new friendships face to face. These contacts can be valuable for musical and artistic collaborations which become possible by the connections made at the festival, as an example the Trioon project which is a collaboration between J-Lab (former Netaudio London, now Berlin), Dr. Nojoke (Netaudio Berlin) and Servando (Spain, now Berlin). The Festival also allows the artists to promote themselves, to be heard and to raise their profile.

One aspect of my personal motivation is the practical/my experience of a ‘community of practice’ – (a form of collaboration in a team, which is based on- and offline communications, a learning concept developed by Lave and Wenger) working and learning together under the recent circumstances like project orientated, temporally limited collaboration. It facilitates the in-sight in collective, co-working and (co-) learning processes. I have to admit that my research instinct comes up sometimes ;)

Another aspect of my motivation is the opportunity to bring people from different cultural backgrounds together, to give them the possibility of exchange, for example in discussions. In equal measure more informal meetings are important and motivating: having fun together on the dance floor, listening to music, chatting, catching up and networking at the netaudio fair. In this way ‘offline contexts’ and a feeling of belonging are created. This gives the possibility of remembering ‘former’ online friends more enduringly than if it were just left at a single online contact.

What has changed during the last two years? What can we expect from Netaudio Berlin and why should we come?

Raimund: mo. – you should be coming because we invited you to moderate a round table discussion about online distribution and the role of netlabels as a hinge between the “market” and the creative output of the artists! All the others should come to watch you of course

Ahem ok, we’ve invited a few more experts for an informative daytime program. There will be some 40 netlabels presenting themselves – so if you are an artist and in search of top level contacts within the netaudio scene – we have a plethora of them. And if you love exploring the progressive developments in music & styles you should not miss our widespread night program with all sorts of electronic music like Techno, Minimal and House – but also Dubstep and Drum’n’Bass, Triphop and Nujazz, Pop, Dub, 8-Bit, HipHop, Techdub and especially the Experimantal Stage at the opening night on Thursday The variety of styles is one of the main attractions, also the extension of the festival which now starts on Thursday. We have also extended the daytime program - which now has two long afternoons and three parallel branches of activities. We have also upgraded to a better venue – which has provided us with some better working conditions. We do not have to squat in order to have enough space

In spring you called for entries. Now the program is finished. How many entries did you get and under which criteria did you choose the artists? What was your main goal?

Raimund: We got roundabout 150 entries. But through a multi-leveled procedure and also through the required amount of information we tried to support requests from those artists who really wanted to get involved in this specifically – and not just in any other festival. We tried to give some extra support to artists from Eastern countries. So we have now announced artists from Ukraine, Belarus, Hungary, Czech Rep., Slovakia, Turkey, Russia, Poland, Morocco and Serbia – and we hope that they all get visas and permission from the authorities to play in Berlin. Other criteria were mainly subjective. We’ve chosen what we liked the most. Around half of the program is filled with artists from the “Call for Entries”, the other half has been asked by our bookers if they would like to take part. We thought this would be a fair arrangement between our own ideas and the offers from the communities.

When organising and inviting musicians and artist to such a happening like Netaudio Berlin, I’m sure everybody has their own favorites. Which musicians or artist are your favorites and what do you yourself not want to miss?

Raimund: As I have been in charge of the booking for the Experimental Floor and the Dub & Techdub Floor you’ll find nearly all my favorites here. For sure I am also very happy about a whole bunch of artists on other floors – and I helped on decisions with one or two of the others. But to be honest I am really proud that we can present something like the Experimental Floor on Thursday.

There has never been such a line-up at a musical event before. It is a unique combination of artists and due to the nature of their music you would never normally see them billed at this time, on this day, in this setting, so we are very pleased to be able to offer them and the visitors this treat. Here we have about eight representatives with extremely creative and free minds, experimenting with sounds and musical atmospheres all combined on one floor! And the Dub & Techdub Floor on Saturday contains a close to perfect selection of my personal favorites. I can’t live without one or the other release of their music on my mp3 player – always ready to sweeten my days

Antina: The most interesting thing about a festival is a variety of styles, not only music genres, but also varied forms of presentation like musical showcases, audio-visual performances, films, discussions, workshops, lectures and ping pong sessions. Personally, I’m especially glad to welcome reggae, dub and 8-bit artists in the night program and also to have more experimental, downtempo and ambient artists in the day program. The netlabel showcases will open up the possibility to chat, network and enjoy the music at the same time.

Besides music in the evening Netaudio Berlin also focuses on other creative commons art forms and has some knowledge to offer. What exactly?

Raimund: We are showing, for example, a selection of CC-movies from Stefan Kluge of VEB Leipzig – who informs us about the ideas behind CC movies and also why they even allow these movies to be used for commercial purpose Then we have the netaudio ping pong game, an interactive game which uses netaudio sounds. We also have some field recording projects with concerts, sound- and net-installations as well as an exhibition on netlabels. Also there are a lot of discussions about various aspects of CC on the daytime program.

In many contracts with the musicians you "signed" the music of the artists. Do you plan to offer free live recordings afterwards?

Raimund: We will record the whole festival for our own documentation and maybe for live streaming – but also we might release some of the recorded material afterwards. There are only a few artists who do not want that. In matters of post-festival releases we are maybe a little more interested in the intellectual outcome of the day program. We’d love to think about spoken word releases like lectures and discussions. There are enough netlabels to release high quality netaudio music. But there is no such thing like a publisher for CC-audio books resp. intellectual creative commons.

Only here and there you’ll find single releases of this kind. We would like to develop this aspect. But we might also release some live sets of the music program. If everything goes well we might broadcast a live radio and live net-radio from the festival – but the venue is very difficult for that. During the next few days we are investing a lot of time, energy and also some money in trying to set up an infrastructure for broadband streaming. It would be so nice - and also appropriate

Thank you very much for the interview and see you at Netaudio Berlin 2009 in October!

Mittwoch, 9. September 2009

Beat - Interview 09/2009

Interview mit Raimund Reintjes, Netaudio Festival Berlin (09/09/2009)

[
link zum Artikel]

raimund_mal_drei 

Beat / Vielen Lesern wird das Netaudio Festival in Berlin noch kein Begriff sein, trotzdem findet es nach 2007 bereits zum zweiten Mal statt. Was hat sich in Sachen Akzeptanz einer ehemals doch recht überschaubaren Szene in der Zwischenzeit getan?

Raimund / Wenn man es ganz genau nimmt, findet das Netaudio Festival sogar schon zum fünften Mal statt, nur eben zum zweiten Mal in Berlin. Wir hatten auch schon zwei Festivals in London und eins in Bern. Dieses Jahr gab es eine überwältigende Resonanz - sowohl in der Öffentlichkeit als auch in der Netaudio-Szene. Wir werden für dieses Festival beispielsweise vom Berliner Senat durch seinen Hauptstadtkulturfonds unterstützt, den wir überzeugen konnten, dass die Netaudio-spezifische Dynamik einige sehr interessante Ansätze bereit hält, die Spielregeln im Musikbusiness wieder auf die Füße zu stellen. Die entfremdete Beziehung zwischen dem Künstler, der Musik und dem Hörer wurde ja zuvor fast ausschließlich in den Kategorien Produzent, Produkt und Konsument gedacht. Dass wir zurückkehren müssen zur Seele, zum Herzschlag und zum Wesen der Musik wird mittlerweile auch medial breit diskutiert. Das spüren wir auch sehr deutlich. Unsere Presseresonanz ist enorm - gemessen an dem Zustand vor zwei Jahren. Netaudio ist in Berlin mittlerweile ein sehr positiv besetztes Thema.

Beat / Zwar hat die Netaudio-Bewegung zum Beispiel mit Julia Kotowski eigene kleine Stars entwickelt, die sogar auch in den Massenmedien Widerhall finden, umgekehrt scheint es noch nicht allzu viele Anknüpfpunkte zu geben .

Raimund / Nun, Anknüpfungspunkte sehen wir schon richtig viele - aber wenn Eure Frage darauf abzielt, dass bekannte Namen in den kostenfreien Netlabel-Bereich "überwechseln", dann habt ihr sicher Recht. Außer um ein paar Promo-Tracks zur Verfügung zu stellen gibt es auch wenige Gründe, warum schon sehr bekannte Künstler dieses tun sollten. Andererseits ist Netaudio doch auch mehr als kostenfreie Netlabel-Musik unter CC-Lizenz. Netaudio bezieht sich ja beispielsweise auch auf netzspezifische Produktionsprozesse oder Distribution. Ein Beispiel: Im Jahr 2002 begannen die Einstürzenden Neubauten ihre Arbeit zu einem neuen Album ohne den Rückhalt einer Plattenfirma, da ihr Label Mute an EMI verkauft wurde und EMI den Vertrag nicht fortsetzte. Für die neue Platte vertraute die Band stattdessen auf ihr Internetprojekt. Über 2000 Fans (auch Supporter genannt) hatten sich auf ihrer Website eingetragen und die Produktion des neuen Albums unterstützt, indem sie 35 Dollar überwiesen. Dafür bekamen sie später eine CD - das Supporter's Album #1. Daneben erhielten sie die Möglichkeit, via Internet der Band bei den Proben zuzusehen und über Chat direkt Fragen und Vorschläge an die Band zu richten. Auch andere Künstler, wie etwa das Techno-Urgestein Tanith, öffnen sich mittlerweile dem Netaudio - ohne ihre sonstigen musikspezifischen Einnahmequellen auszutrocknen. Netaudio ist einfach eine zusätzliche Ebene im Spiel - und sicher nicht für jeden Superstar so attraktiv, dass er schlaflose Nächte bekommt, nur weil er noch kein Net-Release hat. Man muss auch sehen, dass Netaudio nicht als Allheilmittel für alle entfremdeten Zustände im Musikzirkus kommuniziert wird.

Beat / Einige wichtige Label wie One Bit Wonder haben hingegen ihre Pforten geschlossen oder haben - wie im Fall von Stadtgruen - deutlich weniger Output als noch vor einigen Monaten. Wächst eurer Ansicht nach genügend Substanz nach, oder ist der erste Pioniergeist bereits erloschen?

Raimund / Die erste Pionierphase, in der alle hemmungslos euphorisiert die neue Heilsbotschaft vom Netaudio gepredigt haben, ist eindeutig zu Ende. Die Szene professionalisiert sich. Das bedeutet auch, dass der Elan mancher Pioniere erlahmt ist und sie wieder mehr Zeit für Freundin, Zierfische oder ihr schon 15 Semester dauerndes Grundstudium aufwenden. Andere wiederum, wie Thinner, Instabil, Jahtari, Pentagonik und zahlreiche weitere Netlabels fangen an, Musik auch kostenpflichtig anzubieten bzw. Bezahlmodelle zu entwickeln. Das halten wir für einen sehr wesentlichen Schritt. Denn es ist doch zu schade, wenn die jahrelang aufgebauten Künstler mit ihrem einsetzenden Erfolg etwa bei Bookinggagen oder in punkto Anfragen von kostenpflichtig veröffentlichenden Labeln zu diesen abwandern. Wenn also andere mit der oft jahrelangen Promoarbeit Geld verdienen. Im Gegenteil wäre es doch schön, wenn das auch in der Familie bleiben könnte. Andererseits ist der Trend, ein Netlabel aufzumachen, nach wie vor ungebremst vorhanden. Um den substanziellen Nachwuchs machen wir uns wirklich gar keine Sorgen... Mittlerweile kann man ja auch, wie etwa auf Festivals wie dem unseren, von erfahrenen Hasen jede Menge Tipps und Hinweise bekommen, wo die Fallstricke und Stolperstellen im Betrieb eines Netlabels verborgen liegen. Dieser Knowhow-Transfer ist Teil der sich professionalisierenden Szene.

Beat / Mit der "Cologne Commons" gab es im Frühsommer bereits ein recht erfolgreiches Netaudio-Festival in Köln. Verträgt die Szene bereits eine zweite große Veranstaltung innerhalb eines Jahres?

Raimund / Unsere Kölner Freunde haben ja einen etwas anderen Fokus als wir. Sie konzentrieren sich auf die Diskussion um Creative Commons und dann im Wesentlichen auf die mit diesem spannenden Rechtsbaukasten verbundene musikalische Komponente. Das ist ein Teilausschnitt von Netaudio. Unser Konzept ist jedoch deutlich weiter gefasst und wird in diesem Jahr auch sicherlich eine andere Dimension bekommen, als die Cologne Commons. Zudem machen wir unsere Veranstaltung nicht spezifisch nur für die Szene. Wir wollen explizit die Ansätze und Ideen des Netaudio in die Mitte der Musikbranche führen. Wir möchten endlich mit unseren Nachbarn Netlabel-Empfehlungen austauschen. Wir wollen, dass nicht nur Tim Renner sondern auch Dieter Gorny versteht, dass die Zeiten vorbei sind, in denen man aus bequemen Sesseln in schicken Spreeufer-Büros die Künstlerkartei wie ein Aktienportfolio mit Renditeerwartung hin- und hergeschoben hat. Wir wollen explizit nicht, dass Netaudio in der Abgeschlossenheit einer Szene verbleibt. Eine strukturelle Öffnung passiert unserer Meinung nach gerade von beiden Seiten. Da sind Netaudio-Festivals sehr hilfreich - gerne auch mehr als zwei pro Jahr in Deutschland!

Beat / Ihr könnt auch auf die Erfahrungen anderer Veranstalter in Europa zurückgreifen. Wer steht euch hier zur Seite?

Raimund / Im Wesentlichen unsere Freunde von Netaudio London. Wir wechseln uns seit vier Jahren in der Ausrichtung des Netaudio Festivals ab. Nächstes Jahr wird es wieder ein Festival in London geben. Zudem haben wir gute Kontakte nach Spanien - etwa zu netaudio.es und zum Underground Family Festival (UFF!) in Barcelona. Ein anderer wichtiger Partner ist Nettare, das italienische Netzwerk von Netlabeln, die im vergangenen Jahr ihr erstes Festival organisiert haben. Außerdem sollten wir noch die Clubtransmediale erwähnen, die zwar in Berlin stattfindet, aber einen sehr internationalen Charakter besitzt. Das kleine Fieldrecordings Festival ist ein besonders experimenteller und spannender Partner, den wir dieses Jahr neu hinzu gewonnen haben und der sich mit einigen außergewöhnlichen Programmpunkten in unser diesjähriges Festival einbringen wird. Nächstes Jahr werden von unserer Seite weitere internationale Aktivitäten hinzukommen, die darauf zielen, neue Partner in anderen Ländern aufzubauen.

Beat / Als Motto für das Netaudio Festival Berlin habt ihr euch "East meets West" gewählt. Was steckt dahinter?

Raimund / Naja, Auslöser war natürlich der 20ste Jahrestag der Maueröffnung dieses Jahr. Gerade in Berlin ist das ein Thema. Damals fiel die Grenze zwischen den politischen Blöcken Ost und West. Wir haben das zum Anlass genommen um insbesondere auch die Netaudio-Aktivitäten in den osteuropäischen Ländern sichtbar zu machen. Aber auch aus Istanbul und Casablanca haben wir Künstler eingeladen. Wir hoffen, dass sie alle kommen können. Wenn uns die Botschaften und die Ausländerbehörde keinen Strich durch die Rechnung machen, haben wir Künstler aus Russland, Weißrussland, Ukraine, Polen, der Tschechischen Republik, Ungarn, Bosnien und Slowenien auf den Bühnen. Außerdem mit Dr. Patryk Galuszka einen polnischen Wissenschaftler, der am Kölner Max-Planck-Institut zu Netlabeln geforscht hat. Als interaktives Projekt - extra für das Festival entworfen - ist in dem Zusammenhang noch die "Berlin Wall of Sound" zu erwähnen: Die Idee ist, Sounds vom gesamten Mauerstreifen aufzunehmen und hochzuladen, so dass eine "Wall of Sound" entsteht. Jeder, der Lust und ein Aufnahmegerät hat, ist aufgerufen, sich zu beteiligen: www.netaudioberlin.de/berlin-wall-of-sound

Beat / Auch der Veranstaltungsort ist an einem recht historischen Ort.

Raimund / Das Festival findet in der "Maria am Ostbahnhof" statt, ein ehemaliges Lagerhaus auf dem früheren Todesstreifen. Um die Ecke steht mit der Eastside Gallery das längste noch erhaltene Reststück der Mauer. Die Maria hat zudem auch ihre eigene Historie in punkto Festivals (etwa die jährliche Clubtransmediale oder verschiedene Schlagstrom-Festivals) - wie auch als Veranstaltungsort: Der Club hieß zuvor "Deli" und war in der Berliner Feierszene legendär. Hier gab es gigantische Techno- und Trance Raves mit einer riesigen Feuerstelle in der Halle! Das ist mehr als zehn Jahre oder so her. Wer das miterlebt hat, wird dies sein Leben lang nicht vergessen...

Beat / Was bietet das Netaudio Festival Musikern, die sich für die Möglichkeiten alternativer Musikdistribution interessieren?

Raimund / Wir haben ein umfangreiches Tagesprogramm mit vielen Vorträgen, Workshops und Diskussionen organisiert. Es werden eine ganze Reihe Experten anwesend sein, die man alle kennen lernen kann! Mit Whatpeopleplay ist zudem ein digitaler Distributor als Partner mit an Board, der auch auf unserer "Netaudio Fair" präsent ist. Hier werden sich zudem und hauptsächlich etwa 40 Netlabels aus ganz Europa präsentieren. Wer Kontakte zu einer Auswahl an erstklassigen Netlabels sucht, sollte unbedingt vorbeikommen. Unser Tagesprogramm ist wie immer vollständig kostenfrei!

Beat / Und wenn ich einfach nur gern Musik höre, was erwartet mich dann?

Raimund / Auf den Punkt gebracht: Acht Stages verteilt auf insgesamt drei Nächte - mit rund 100 Künstlern, Bands und Projekten: von den elektronischen Spielarten des Techno, House und Minimal über Dubstep und Drum'n'Bass, Hip Hop, NuJazz, TripHop, Dub, Techdub, 8Bit - bis hin zu Pop und experimentellen Sounds. Nur für die Spielarten der Rockmusik ist Berlin wohl nicht die geeignete Stadt. Es hat sich schlicht niemand gefunden, der das machen wollte und Ahnung hatte... Das umfangreiche Lineup, das auch noch durch zahlreiche Showcases im Tagesprogramm ergänzt wird, kann man am besten auf der Website ( www.netaudioberlin.de ) nachlesen.

Beat / Euer umfangreiches Live-Line-up rekrutiert sich aus recht guten Namen aus der Szene. Wonach habt ihr hier die Auswahl getroffen?

Raimund / Etwa die Hälfte der Künstler kommt über unseren "Call for Entries", d.h. sie haben sich bei uns beworben. Dazu kommt ein guter Anteil an Künstlern, die wir selber unbedingt buchen wollten. Und dann gab es noch Empfehlungen von Partnern und Freunden. Bei uns im Festivalteam kümmern sich verschiedene Personen um die einzelnen Spielarten und Floors. Die Booker hatten unter angemessener Berücksichtigung der Bewerbungen aber weitgehend freie Hand bei der Künstlerauswahl. Wir haben allerdings im Vorfeld auch gezielt Künstler aus Osteuropa ermutigt, sich zu bewerben.

Beat / Gutes Gelingen für das Festival!  (AW)

Webverweise:
www.netaudioberlin.de