Sonntag, 3. Juli 2011

Fusion 2011

Wie schon die Jahre zuvor bin ich mit meiner Freundin Ulrike und ihren Kids nach Lärz auf's Flugfeld gedüst, um auch dieses Jahr dem Ferienkommunismus zu huldigen, vegetarisch zu essen und viel gute Musik zu hören. Diesmal gab's das große Ticketthema- da alle Fusion Tickets innerhalb von weniger als zwei Tagen ausverkauft waren - und zwar unmittelbar nach dem Start des VVK - und natülich schon im November (oder so) 2010. Demzufolge kamen eigentlich ausschließlich Leutchen, die mehr als ein halbes Jahr Zeit hatten, ihren Fusion-Trip zu planen. Also waren alle schon am Donnerstag da - Leute, die am Freitag kamen - oder gar Tagesbesucher - gab es kaum.

Es ging schon damit los, dass wir am Einlass locker eine Stunde im Stau standen - ein Feeling wie früher, wenn man Freitag am späten Nachmittag kam. Und das, obwohl schon alle ihre Karten hatten! Dann war es schon gar nicht mehr so leicht, vernünftige Zeltplätze zu finden. Autofrei versteht sich. Aber das ging dann doch. Pünktlich, als wir in Lärz ankamen, hatte es aufgehört zu regnen, ich nahm das als gutes Omen.

Die Donnerstagsnacht war dann auch trocken - und knallvoll, weil ja schon gefühlte 110% aller Besucher auf dem Platz waren, nüchtern, ausgeschlafen und in Feierlaune. Ulrike wollte erst Freitag nachkommen - und so lief ich dann mal alleine los - und fand in der ersten Nacht wenig bekannte Gesichter. Naja, ein paar Hallos gab's dann doch Alldub, Saetchmo und Azmir von Balkantronika z.B., die an dem Abend ihre Auftritte hatten. Dreher & Rhauder im Schuhkarton war mir zu heftig und auch Tanith oder David Pasternak habe ich nicht gesehen. YounANDme auf der Tanzwiese war mein Highlight der Nacht - aber auch die Roots Station hat mich richtig warm gespielt!

Der Freitag war schön, im Zelt wurde es schnell zu warm, draußen wechselten sich Sonne und Wolken ab, perfektes Festivalwetter! Scribble Gebibble am Querfeld haben mich mit ihrer Melange aus urbanen Sounds echt geflashed, SCSI-9 auf der Turmbühne ebenfalls! Ein Spaziergang zu den Bachstelzen offenbarte ein Partyuniversum, in dem ich mich wohl nie heimisch fühlen werde, egal ob's (wie früher) mitten auf dem Gelände liegt - oder (wie jetzt) als Satellit ganz am Rande.

Den ganzen Tag tauchte Ulrike nicht auf, die Kids waren aber gut versorgt und beschäftigten sich mit Abenteuer bestehen (inkl. einer verlornen und wiedergefundenen Geldbörse). Sie kam dann irgendwann am späten Abend, war aber noch nicht in Festivallaune, sodass ich auf eigene Faust losging. Ich blieb an der Trancebühne hängen und traf Gal von Jazzsteppa, der die Hauptrolle in dem abgebrochenen Gig der Dubstep-Combo zum Frequen.C One Festival im Yaam gespielt hatte. Wir rauchten nach guter Stadtindianersitte einen Friedensjoint und unterhielten uns lange über viele persönliche Dinge. Das war einer dieser echten, wahren, unbeschreiblichen, verblüffenden und ganz speziellen Fusion Momente: diese unglaubliche Energie, die in der Luft liegt, und in der alle Gesetze des Alltags in Auflösung zu sein scheinen. Zu unserer Versöhnung spielte Daksinamurti, ein Highlight, das ich noch von einer Dwarfs&Giants-Tranceparty im RAW.tempel kannte. Anschließend schlenderte ich zu Ronny aka Kraftfuttermischwerk - und traf dort endlich einen Haufen der Berliner Dubheads! Gewohnt chillig und verspult passte alles wunderbar zusammen. Hatte ich wirklich im Vorfeld der Fusion überlegt, dass dieses mal vielleicht tatsächlich das letzte Mal sein sollte? Es war doch sooo schön hier... In dieser Freitag Nacht spielten auch noch die Tanzen Hilft Crew aus Hamburg auf - und Neil Landstrumm hatte einen richtig tollen Gig auf dem Querfeld (neben der Dubbühne dieses Mal mein Lieblingsort!).

In den Morgenstunden ging's zurück ins Zelt. Und von da an nahm die Fusion einen vollkommen anderen Verlauf. Denn es begann zu regnen. Vorsichtig formuliert. Genauer gesagt brach dann das nassfeuchteste Inferno aller Zeiten aus. Es kam auf feuchten Sohlen - und blieb, natürlich ungebeten, bis Sonntag Abend. In der Samstagnacht rollte eine Gewitterfront nach der anderen über das Festivalgelände, auf 12 Stunden Dauerregen folgten zehn Stunden Starkregen mit heftigen Unwettern, der sich im Anschluss an die Gewitterfronten noch einmal in ca. 6h Dauerregen re-transformierte. Es waren, kurz gesagt, die heftigsten Regenfälle in der Region seit 10 Jahren. Dementsprechend verwandelte sich die Fusion in einen Morast, eine Schlamm- und Matschlandschaft, durchbrochen von Seen, Festivalmüll und verlorenen Kleidungsstücken.

Ich selbst blieb die ganze Zeit im Zelt, nur hinausgezwungen von zwei, drei Dixie-Besuchsunterbrechungen mit Regenschirm. Viele Besucher bauten im strömenden Regen das Zelt ab und fuhren Sonntag Mittag nach Hause. Ich habe derweil Quintana Roo von James Triptee Jr. ausgelesen. Tillmann, der mitgereiste Kumpel von Yannick, hatte sich ausschließlich auf Sommer eingestellt und musste am Sonntag ebenfalls heimfahren, da all seine Klamotten sowie das Zelt (das ich bereits zu Beginn des Aufenthalts mit Gaffa geflickt hatte) durchnässt waren. Ich lieh im meine Flip-Flops, da sein einziges Paar Schuhe ebenfalls klatschnass war. Yannick setzte bei seiner Mutter durch, dass er seinen Freund begleiten durfte, Mikal blieb bei uns. Leider aber hatte Yannick ein kleines, aber wesentliches Detail übersehen: Er war noch im Besitz meines Autoschlüssels, sodass er, kaum zuhause angekomen, gleich wieder zurück kommen konnte... Dumm gelaufen, sagen wir mal...

Dann hörte es endlich auf zu regnen. Sonntag Nachmittag ging's also weiter mit der aktiven Teilnahme am Festival. Jelabee Cartel auf der Tanzwiese musste ich mir unbedingt anschauen - die Inder spielen ja demnächst in der Dienstagswelt. Kombinat 100, Son Kite, M.A.N.D.Y. - und dann Alle Farben im Salon de Baille. Eigentlich hatte ich mich mit Ulrike für unseren gemeinsamen Bekannten verabredet, aber wir haben uns dann doch wieder verpasst. Keine Seltenheit... Dafür traf ich Steen und Hugo, mit denen ich im Backstage dem Swing-Special von Frans (in seiner Seemannsuniform) zuhörte und -schaute. Ein paar Minuten Atmosphere konnten mir an dem Abend sogar noch einen Eindruck davon geben, dass Hip Hop auch heute noch guten Sound bieten kann.

Am Montag ging's dann entspannt zurück nach Berlin. Nachdem es in der Nacht zum Montag resp. am Vormittag noch einmal sieben Stunden Landregen gab, empfanden wir es irgendwie als Privileg, dass Nachmittags der Regen aufhörte und wir das nasse Zeug wenigstens im Trockenen einpacken konnten. Jedenfalls ist klar, das war kein Event für Schönwetter-Raver...

Und nächstes Jahr? Ich weiß noch nicht...


Donnerstag, 23. Juni 2011

Popol Vuh Revisted - Ein Remix Release Abend im Coockies

Tja, schwer zu sagen, ob heutzutage mehr Menschen das Cookies oder Popol Vuh kennen..? Ich meine den geschichtsträchtigen Berliner Club - und die noch viel geschichtsträchtigere Band um den 2001 verstorbenen Elektronik-Pionier Florian Fricke, Gründer der Band Popol Vuh. Kleiner Exkurs zu Wikipedia:

Um 1967 traf Florian Fricke den Regisseur Werner Herzog, in dessen Spielfilmdebüt "Lebenszeichen" er eine Rolle spielte. Fricke schrieb ab 1971 auch die Musik für mehrere Filme von Werner Herzog, u.a. für Aguirre, der Zorn Gottes, Herz aus Glas, Fitzcarraldo und Nosferatu - Phantom der Nacht (mit Bruno Ganz und Klaus Kinski).Florian Fricke gehörte seit 1969 mit zu den ersten Musikern, die einen Moog III-Synthesizer nutzten. Seine Veröffentlichungen unter Verwendung dieses signifikanten Instruments bis 1972 sollten die Elektronische Musik in Deutschland prägen. Fricke sagte 1970: "Die Musik, die man mit einem Moog machen kann, umfasst schlechthin die Empfindungsmöglichkeiten des Menschen".
Gemeinsam mit Holger Truelzsch und Frank Fiedler gründete er 1970 die Gruppe Popol Vuh, die dem Krautrock zugeordnet wird. Der Name ist der Mayakultur entlehnt und erinnert an die Schöpfungsgeschichte des Menschen. Die Band, die oftmals christliche oder mystische Motive in ihrer Musik umsetzte und zu Gunsten eines ätherischen Klangs weitgehend auf elektrische Gitarren verzichtete, veröffentlichte bis 1997 über 20 Alben.
Neben der Arbeit mit Popol Vuh arbeitete Fricke mit zahlreichen Musikern zusammen. Er war 1972 auf dem Album "Zeit" der Gruppe Tangerine Dream zu hören, eine weitere Zusammenarbeit bestand mit Renate Knaup von Amon Düül II.

Johannes, so heißt nun sein Sohn, hat dieses Event angeleiert - und ich war gespannt wie ein angelsächsischer Langbogen. Im Vorfeld hatte ich mit Johannes Fricke ein paar Mails hin- und hergeschoben, weil uns ein gemeinsamer Kollege unbedingt zusammen bringen wollte. Er war der Meinung, dass Johannes da ein interessantes Projekt anschiebt - und Raimund ein interessantes Event daraus machen könnte. Ich denke, er hatte Recht - aber wir kamen trotzdem nicht zusammen. Letztendlich ist Johannes Fricke in der Welt der Kunst zuhause, in der sich Vernissagen, Empfänge und internationales Bussitum aneinander reihen wie die Zuchtperlen der Halskette seiner Mutter, die an jenem Abend übrigens auch da war. Und ein Gespür für Musik, zumal elektronische, sowie für Clubkultur war eher nicht erkennbar. Andererseits liest sich die Liste der involvierten Musiker wie ein who-is-who der letzten 15 Jahre deutscher Elektronik - und mit dem angekündigten Veranstaltungsort "Kino International" war eigentlich ein brauchbarer Rahmen aufgezogen. So ließ ich schließlich die Finger von einer ohnehin erst lauwarm gekochten Kooperationsidee.

Also - die erste Überraschung war perfekt, als die Einladung nicht für's Kino International sondern für's Cookies ins Haus flatterte. Leider erhielt ich keine Einladung für den offiziellen Empfang in der mexikanischen Botschaft, die seit den frühen Tagen die Band, die sich nach dem Schöpfungsmythos der Maya benannte, wohlwollend unterstützt und begleitet. Das Coockies, das es heute gibt, liegt an der Ecke Friedrichstr./ Unter den Linden, im Westin Grand Hotel, und hat damit so ziemlich die teuerste  Adresse, die man in Berlin angeben kann. Jaja... das Cookies... das zwischen 1994 und heute sechs (?) Mal die Location wechselte und sich immer komplett wandelte. Wer den Laden von früher - also von ganz früher - kennt,  als er noch den rohen Charme von unsanierten Altbauruinen der Post-Wendezeit versprühte, für den der Laden - und die ganze Clubszene Berlins berühmt geworden sind, der wird keinen Hinweis mehr auf die turbulente Vergangenheit der ersten Techno-Blütezeit finden. Als einzige Konstante mag vielleicht die Beobachtung von Jan Joswig gelten, über die er in seinem Blog schreibt:

Nicht das gleichmacherische Techno-Raven, bei dem der Einzelne in der glücklichen Wolke versinkt, sondern das scharf konturierende Clubben, das jeden Einzelnen im Suchscheinwerfer kollektiver Eitelkeit hervorhebt, wurde im Cookies zelebriert. Raven ist die Absage ans Starsystem, Clubben ist die Überspitzung des Starsystems. Im Cookies versammelten sich nicht die Ohren-, sondern die Augenmenschen und hoben sich gegenseitig aufs Podest (noch vor der Erfindung der Handy-Fotografiererei).
Der überraschend übrschaubar große Club füllt sich an diesem 23. Juni 2011 ab 21 Uhr auch nur langsam, Johannes kam und betonte, wie froh er sei, uns zu sehen, drückte uns Getränkemarken in die Hand und erklärte, dass das heute eher so einen familiären Charakter hätte und er sich wünscht, dass sich Alle untereinander kennen lernen. Ich schätze, sowas ist gute Sitte bei Empfängen, die JF sonst so mitmacht. Mutti kam und einige Zeitgenossen. Und endlich - mit endlos erscheinender Verspätung auch Roland Appel, seines Zeichens ein Teil vom Sonarkollektiv und von dem die de:bug mal schrieb:

Roland Appel ist das Sinnbild des kultivierten, gereiften Bohemiens. Der Familienvater und Vincent-Gallo-Lookalike, der auf Dior-Modenschauen und Lookbook-Shootings von Mario Testino aufgelegt hat, hat seine Musikliebe nie als Ausrede verstanden, keine Krawatte binden können zu müssen. 

Nun gut. Jedenfalls war das Konzept des Abends, dass eben jener RA die ganzen schönen Stücke von der Remix CD mit den ganzen schönen Originalen von Popol Vuh zu einer Zeit- und Soundcollage vermischen sollte. Dabei ging es um zahlreiche Meilensteine, die Florian Fricke zwischen 1970 und 1999 schrieb. Und andererseits um die Remixe von Moritz von Oswald, Mouse on Mars, Stereolab, Peter Kruder, Thomas Fehlmann (The Orb), A Critical Mass, Hasswell & Hecker, Mika Vainio (Pansonic), Alex Barck (Jazzanova) - und besagtem Roland Appel. Hinter dem DJ wurden, ganz in multimedialem Geiste der sich vermischenden visuellen und zeitlichen Ebenen, dann auch Filmsnippets aus dem Privatarchiv der Familie gezeigt.

Soweit das Konzept.

So ein Quatsch. Es begann mit einer Anmoderation, in der sich Johannes bei allen Beteiligten mehrfach bedankte (nicht etwa, um keinen der angereisten Gäste zu vergessen, sondern weil er keine Rede vorbereitet hatte und ihm spontan wohl einfach nichts Gescheites eingefallen ist.) Der Applaus nach seiner Ansprache sollte sicherlich die Erleichterung über das Ende seiner Stammelei - wie auch eine tatsächlich vorhandene Grundzustimmung zu dem hier präsentierten Projekt zum Ausdruck bringen. Leider vergaß er, das Mikrofon auszuschalten, was die nächsten 3(!) Stunden zu einem grauenhaften Hintergrundrauschen führte, dass die ansonsten ordentliche Coockies-Anlage sehr hörbar widergab. Nach 3 Minuten stellte sich überdies heraus, dass das vollkommen langweilige Bildmaterial uns in einer Endlosschleife durch den Abend begleiten würde. Lediglich eine kurze Einstellung zeigte FF mit seiner Moog-Monstermaschine, der Rest waren Bilder etwa von einem VW Bus auf einer Landstraße in Lomo-Ästhetik - oder eine mir unbekannte Frau - vielleicht wars die junge, heute ebenfalls anwesende Renate Knaup (oder doch Conny Veit) ? - vor einem Bauernhaus (vermutlich Frickes Wohnsitz auf dem Bayerischen Land). Wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und wieder und... naja, ihr wisst schon... fing dieses Kurzfilmchen von vorne an und unterlegte Appels Bemühungen, sich als DJ seinen Namen zu ruinieren, mit einer passenden visuellen Tristesse. Mein Gott, ich kann mich an keine schlechtere DJ Performance erinnern, als die gehörte. Vollkommen überfordert war er mit der Aufgabe, nahezu keinen Übergang hat er hinbekommen - und zwischenzeitlich hat er mal 15 Minuten eine stumpfen 4/4 aus dem Effektrepertoire des Mixers über seine zerschredderten Beats geknallt um seine Hilflosigkeit zu überspielen- oder war das gar der Sound des Remixes? Ich kann's ja nicht glauben. Nun, Produzenten sind keine DJs, Herr Appel und Herr Fricke!. Gut das wir genügend Getränketickets hatten.

Es war eine grottenschlechte Performance - ein grottenschlechter Sound und grottenschlechte Visuals. Die 64 Gäste hielten sich dann doch an Sekt und Wasser von der Bar, das eingespielte Disko-Licht der automatsichen DMX-Steuerung ignorierend. Es wurde später und länger und nichts veränderte sich. Dann kamen die ersten Anzugträger zum anschließenden regulären Handtaschen-House. Der Nightmanager insistierte, und in die Schlußworte von Johannes, die wieder nur eine Aneinanderreihung von gestammelten Dankesworten war, mischten sich die ersten House Tunes des Cockies-Resident DJs, dessen Name nichts zur Sache tut. Ein Schlussapplaus blieb uns allen erspart. Schnell entfernten wir uns von der Stelle, an der eine großartige Idee öffentlich Schiffbruch erlitt. Schade, schade, denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass das Release mehr als gut ist - und meine Güte: was hätte man mit den beteiligten Musikern für ein Event veranstalten können. Schade, schade, schnief...

Photos: popolvuh.nl oder unbekannt.

Dienstag, 17. Mai 2011

Netaudio London 2011

Tja - Netaudio London 2011 - das war erneut eine komplett andere Veranstaltung als 2006 und 2008. Mit cc hatte das gar nicht mehr viel zu tun - aber das Programm war trotzdem aufregend und die Venues - wie bereits die voran gegangenen - exzellent gewählt!

Don, Gutti und ich hatten demzufolge auch mächtig viel Spaß in London. Es war toll, die ganzen Freunde wieder zusehen, ein wenig mitzuhelfen in den letzten Stunden - und während des Festivals - und dann haben wir ja auch noch das Projekt "Village Underground" besucht, ein Kunstprojekt, dass in erster Linie dadurch auffällt, dass sie alte, ausrangierte Waggons auf das Dach eines alten Warehouse in der Innenstadt gesetzt - und zu Ateliers und Produktionsstätten umfunktioniert haben. Tamsin, die Leiterin des Projekts, hat uns rumgeführt, alles erklärt - und hatte sogar noch leckeres Weed für einen gemütliches Nachmittagsschmauch... In der Eventhalle unten drunten liefen gerade die Vorbereitungen für einen 40er-Jahre Abend (mit Fliegeralarm, Essensmarken, Alugeschirr usw.) - und zum Abschluss warfen wir auch noch ein Blick ins ehemalige Bordell an der Ecke, was die Künstlertruppe nun für ihre Zwecke umfunktioniert...

Da wir den halben Tag über den Info Point im Roundhouse betreuten - und den anderen halben Tag mit Catering und Transport zwischen dem Roundhosue (Tagesprogramm) und dem Koko (Nachtprogramm) verbrachten, habe ich, neben einigen elektronischen Spielerein im Ausstellungsrondell des Roundhouse  die schönsten Erinnerungen ans Koko und das Programm. Eine wunderschöne Venue mit Gold, rotem Samt, 1000 Separées und einer riesigen Bühne. Das FOH scheint freischwebend in sechs Meter Höhe zu liegen - und ist ein unglaublich geiler Arbeitsplatz für einen Soundtechniker...


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Ich re-poste hier auch noch mal - und zur Ergänzung -mal eine Antwort,  die ich im Anschluss and das diesjährige Festival "Netaudio London" auf ein Posting des Bloggers, Nerds und cc-Sympathisanten Pete Cogle über die Plattform netlabelism verfasste. Hier ist der Originalpost:

XR says:

unfortunately I wasn’t able to follow any of the discussions on sunday but had a stroll through the sound installations, listened to some newcomer bands/ musicians, and followed the whole show at koko’s during the late evening. all i experienced was entertaining, fresh, thought- and playful – as well as there was always an idea behind what’s going on, which interested me.

i am quite certain the organizers are significantly far away from marxist ideology and not promoting anti-cpitalistic ideas by/ for themselves too hard. so i would turn the above mentioned focus of criticism to the question of how much of the content presented on a conference one is able/ willing to control during the process of the programmation of a festival. how much of the content and thoughts presented would you like to filter? i think, the intention was to find links between experimental music (scene) on one side and the political impetus it might has on the other. 
i remeber a disussion we had during the netaudio berlin festival where one participant was arguing exactly the same way – promoting the idea that artists don’t need money because what they do is art – and therefor free of financial aspects by the very concept. (hard to understand? well…) making money from music is still perspected by a relevant group of grail’s guardians as the fall from grace. exactly the opposite of what 99% of all the artists expect, btw. one of the big disadvantages of that development is, that the future perspectives are very limited – as the netlabel landscape is condemned to stuck with freaks, newcomers and amateurs only. no misunderstandings:

i think this is ok on one side – but a shame on the other – as i see it as a waste of so many valuable opportunities… regarded in this light, the direction the netaudio london festival takes: shifitng it’s focus away from netlabels and cc towards experimental electronics – is not supposed to be finished – as the anti-capitalisitc topic might indicate. another reason to ban ideology (not the netlabel please..!) from any festival and musical concept.

a much debated point in the forefield of the festival amongst the organizers was to change its name – due to the fact that the festival should not focus on netlabls and cc music any more and expectations might go wrong. the festival organizers in the end decided to stay with the name they had chosen in 2006 for their first festival – as they since than promote the festival’s idea is to present “sounds from the internet” and creative (art) works related to the net as a driving force. that does not necessarily mean cc as a licence and netlabel as a platform of distribution and promotion. while it was the main focus in 2006 is has dropped down to a 50/50 equivalent in 2008 and developed to a small side aspect of few participants on the newcomer’s stage in 2011. if you’re a bit hardboiled you might consider this as a seismograph of the netaudio activities – wasting its potential with full hands, open hearts and a smile…

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Samstag, 30. April 2011

29.04.2011 :: Nachtschatten Vol. 3 @ MIKZ

Es hat mich wieder gejuckt... Neben all der ganzen Elektronik von der schönen Dienstagswelt war es doch mal wieder Zeit für ein paar Dirty Urban Beatz - heißt: Drum'n'Bass, Dubstep und ein von mir neu erfundenes Genre "Urban". Nun gut, ich gebe zu, vielleicht benutzen andere diesen Begriff auch noch, jedenfalls interssiert mich diese urbane Melange aus harten Beats und Einflüssen verschiedener, sehr urbaner Stile wie Punk, Hip Hop, Breakbeats, Hardcore u.a. Ich finde das Ergebnis oftmals spannend, nicht alles ist gut, aber langweilig wird's jendefalls nie!

Ich würde ja gerne auch mal "Glitch" in den Club bringen - aber ehrlich gesagt kenne ich nicht mal einen einzigen DJ - geschweigen denn Liveact, der sich in Berlin rumdrückt und auf ne Gelegenheit wartet, sowas mal raushauen zu können. Also warte ich geduldig auf das nächste Mal...

Donnerstag, 21. April 2011

Fischer Z :: Konzert 20.04.2011 im C-Club (Columbia Fritz)

Das mit dem Älterwerden hat noch zwei andere Komponenten: keine Lust mehr auf faule Kompromisse und Altersmilde. Aber der Reihe nach...

Nach der letzten tollen Erfahrung mit The Chameleons sollte dieses Mal Fischer-Z mit Frontmann John Watts ein wenig 80er Revival über meinen Gehörgang in mein Herz tragen. Pünktlich erschien ich also an jenem Mittwoch vor dem C-Club. Was soll ich sagen? Ich war klar der jüngste Gast. Um mich herum nur Leute, die mindestens 5 Jahre älter aussahen als ich - und in ihrem Auftreten eine spröde Langeweile versprühten, die eine Karriere vom mittelmäßigen Gymnasiasten zum Sachbearbeiter bei Schering  suggerierten. Ich sah weder ein bekanntes Gesicht noch einen interessanten Menschen. Allein die Bratwurst im Garten schmeckte ganz o.k.

Vor Fischer Z spielte John Watts mit seiner neuen, unbedeutenden Rockformation aktuelle Stücke von seinem nicht minder belanglosen Album morethanmusic. Obwohl die Band handwerklich ganz ordentlich agierte, war mehr als höflicher Applaus von den sehnsüchtig wartenden Fans für die Bemühungen des alternden Popstars (der früher ganze Stadien füllte) nicht drin. Ein paar hundert Gäste waren gekommen und sie alle mussten die blödsinnigen Witze über Knut, den Bären (ja - wir siend in Berlin, genau...) Monica Lewinski (wir haben 2011) und Berlins Love Parade (wir haben immer noch 2011) ertragen - was zugleich ein sicheres Zeichen dafür war, dass der Ex-Star auf der Bühne die letzten 15 Jahre ausser über Fernsehenberichte und persönliche Erfahrungen (kommt für die hier genannten Beispiele dann eher nicht in Frage) wohl nicht viel von der großen weiten Welt mitgeschnitten hat. Aber irgendwie war's auch nicht so schlimm, denn das Schul-Englisch der meisten Anwesenden war lange genug in Vergessenheit geraten, dass ohnehin kaum jemand verstand, was der alte Mann mit dem lächerlich verknautschten Hut da vor sich hin brabbelte.

Das betraf auch die sinn- und poesiearmen Gedichte, die der Mann mit der immer noch tollen Stimme hier und da zum Besten gab. Ich fing an, mich fremd zu schämen, ein erstaunlich viel diskutierter Trend, der sicher auch an dem 56-jährigen Frontmann der Combo vorbei gegangen ist... Jedenfalls war es irgendwann so weit. Mit den Worten: "Hahaha, und ihr glaubt also im Ernst, dass ihr hier zu einem Fischer-Z-Konzert gekommen seid? Ihr Deppen!" verabschiedete sich die neue Formation - um Minuten später in selber Besetzung endlich die Fischer-Z Alben World Salad, Going Deaf for a Living und Red Skies Over Paradise (1979-1981) nachzuspielen. Naja - und irgendwie sagte der Satz auch alles, weil das was kommen sollte ein lustloses und ambitionsfreies Runternudeln der alten Songs war. Sonst nichts. Es war grauenhaft. Nach wenigen Songs hatte ich die Nase gestrichen voll. Und auch die Aussicht, Marlise oder Berlin einmal live zu hören konnte mich nicht in dem Laden halten. Keinen Bock auf faule Kompromisse. Alles ist besser, als mir den Scheiß hier weiter reinzuziehen. Das war das erste Mal, dass mich ein Konzert alter Helden so richtig deprimiert hat. Mein Gott, was für ein überflüssiger Abend!

Wo jetzt und hier etwas von Altersmilde zu erfahren ist? fragt sich also der aufmerksame Blog-Leser. Tja... hier direkt nicht, aber in einer Rezension von H.P. Daniels im Tagesspiegel steht am Tag nach dem Konzert: "Das ist keine abgedroschene Oldie-Show, kein Runternudeln aufgewärmter Hits. Es klingt sogar besser als damals, ohne die für die Zeit typischen Synthetizismen. Und Watts singt auch viel cooler, weniger gekünstelt als früher. Mit ihren tollen, manchmal schräggelegten Melodien, ihrer rasanten Rhythmik, mit den neuen und den alten Songs sind John Watts & Band ein großes Vergnügen." Dem stimme ich nicht zu. Aber so verschieden sind die Geschmäcker - und wenn das früher noch ein Grund gewesen wäre, solchen Leuten, die mit so jämmerlich wenig so zufrieden zu stellen sind, sofort die Freundschaft zu kündigen - oder ewige Feindschaft zu schwören - oder sie nach Schulschluss noch kurz die einzig richtige Meinung spüren zu lassen, kann man heute, aus der Milde fortgeschrittener Lebenserfahrung heraus, sich sogar ein bisschen für diejenigen freuen, deren höhepunktarmes Leben eine weitere Simulation eines schönen Abends erfahren hat. Anspruchslosigkeit hält wirklich so viele Vorteile im Leben bereit, ich weiß nicht, ob ich nicht auch ein klein wenig neidisch sein soll... War nur Spaß...

Donnerstag, 3. Februar 2011

der circus - Eine Ode an den Dub

Na also, nun gibt's ja doch eine Review der Veranstaltung im Netz... und zwar hier! Irgendwie gibt der Blogeintrag genau meine Stimmung wieder, die ich auch als Veranstalter hatte - toll! Dabei ist der Autor weder ein Bekannter noch von mir bestochen...

Zuallererst, BIG UP an alle Sound Systems, Sound Engineers, Produzenten, DJs, MCs und Produzenten des Dub. Euch gebührt große Ehre. Nicht minder würdig auch unsere tanzenden AnbeterInnen des Sounds, die Nacht für Nacht auf’s Neue beweisen, welche Kraft in dieser Musik steckt. Über die Jahrzehnte wurde uns nachfolgenden Generationen ein Klanguniversum geschaffen, welches zu betreten und zu erkunden uns eines der schönsten Gefühle ist. Wir wandern und streifen umher. Immer auf der Suche nach mehr.


Vor zwei Wochen spielten, zufällig entdeckt, ALPHA & OMEGA und trotz schmaler Anlage konnte diese dem Wirken des Dub nicht entgegenstehen. Nachdem SCIENTIST am Mittwoch mit mehreren Stunden Verspätung im Café Zapata an der Musik von I-REVELATION SOUND die Amps zum Glühen bringen konnte: Wie würde sich ein Dubereignis erst einmal wieder im Yaam anfühlen?Zion Train vor einigen Jahren waren gut in Erinnerung geblieben.


___TSUNAMI WAZAHARI___

23:23
Ich komme hinein und es spielen bereits TSUNAMI WAZAHARI. Der Dub erfüllt die Luft. Ein Sprenkeln und Knistern an allen Ecken und Enden. Die Masse beginnt zu wippen und harret dem, was da kommen solle. Einige bekannte Gesichter zeigen sich und entschwinden alsbald. Es ist dabei schön zu wissen in mehr oder weniger bekannten Gewässern zu fahren. Sie spielen in angenehm elektronischer Manier und müssen sich zurückhalten, mehr Druck auszuüben. Als hätten sie gerade erst angefangen; mit jedem Stück. Aber sie müssen sich zügeln, noch ist die Masse nicht warm, noch ist nicht die Zeit.

___AL HACA SOUND___

 

Nach dem ersten Konzert beginnt, am anderen Ende des Saales zwischen zwei leider nicht dazugeschalteten Boxentürmen, AL-HACA SOUND mit einem derben Track, der viel bekannte und typische Samples vereint. Es klingt verdächtig nach On-U Sound. In Gedanken die Frage:
“Wer dreht da so wild an den Knöpfen ‘rum?”
Diese gedankliche Bewegung verspült die Gehirngänge, befreit vom Ballast des Alltags und lässt nicht anderes zu außer sich selbst. “an alle – an alle” fliegt zwischen den Songs durch den Raum und stimmt uns ein auf entgrenzte Klangerfahrungen am Rande des Wahrnehmungsbereiches. Wir betreten eine Arena, in der Klang mehr erspürt als gehört wird. Wenn dein Körper nicht mehr anders kann, als sich zu bewegen, da er schon längst von den Schallwellen in Vibrationen versetzt wird.

In wohlig warme Bässe gehüllt beobachten wir ferner das Treiben auf der Bühne und stellen eine rege Aktivität fest. Und anstatt der zwei Künstler von eben tauchen auffälligerweise T-Shirts und Hoodies mit Aufschriften wie “Jarring Effects” oder “High Tone” auf! Die allmählich in Wallung geratenen Tänzer aber üben sich in vornehmer Zurückhaltung und gestatten den Meistern des Fachs die nötige Ruhe beim doch teilweise etwas hektisch erscheinenden Aufbau. Der dann auch gleich etwa eineinhalb Stunden einnimmt. Konzentrierte Gesichter wissen was sie tun. Alles geschieht in routinemäßiger Schnelligkeit und doch nie übereilt. Die Werkzeuge der Klangbaumeister verteilen sich über Boden und Pulte, ein Kabelkonglomerat ungeahnten Ausmaßes für diesen bescheidenen Rahmen produzierend. Wir dürfen gespannt sein.

___HIGH TONE___

Die Könige des französischen Dub.  


Elektronische Spielereien direkt in deinem Herzen. Du zappelst freudig und bist doch in Ruhe. Die Meute erdrückt dich, doch du stehst aufrecht.

Es kommen mehr Gäste hinzu, es ist bedrückend eng und es wird Zeit Obacht zu geben, wo sich die einem genehmen Mitmenschen aufhalten. Einmal und immer wieder im Kreise der Nächsten angelangt, lebt es sich denn ganz ungeniert: Körper bersten, Glieder fliegen, Hüften schwingen! Der Saal tobt und die da auf der Bühne haben es schwer, gegenzuhalten. Jedes Geräusch ist eine Offenbarung, jeder Hall und jedes Echo lassen deine Nackenhaare tanzen, bis du selbst in dem unglaublichen Kribbeln aufgehst, das jemandem beim Erdenken dieser Komposition vorgeschwebt sein muss.

Und so zieht es sich. Stunden über Stunden vergehen im abgeschlossenen Raum des Schalls. Denn Zeit, die ist relativ. Keine Bewegung die auch nur unbeachtet vorübergehen würde. Deine Sinne sind geschärft und die Musik, massiv über allem stehend, sorgt für die Verschränkung mit denen der andern. Deine Ohren werden an die Hand genommen, Schritt für Schritt einzutauchen in Motive und Strukturen von ungeahnter Form und Harmonie. Die Mächtigkeit des Basses verschmilzt den ganzen Raum zu einem einzigen Klangkörper. Denn jede Zelle resoniert, jedes Atom ist am Tanz der Tänze beteiligt. Das Sound System lädt zum Ball.

Doch auch jeder Kämpfer wird einmal müde und muss sich erholen. Mit letzten verzweifelten Schreiexplosionen kann das Publikum noch das letzte Quentchen aus den Künstlern mobilisieren, es gibt Zugaben, denen nicht einmal die Fusion würdig wäre. Doch dann, es ist vollbracht, genügend Kraft zu Hitze gemacht. Körper & Geist entleert, nach mehr gierend, werden sie ihrem Schicksal überlassen und freundlich empfangen von den Dubs AL HACAs.

___AL HACA PART 2___


Wir, also zurückgelassen in einem sich immer schneller leerenden Raum, füllen unsere Energiereserven wieder auf und kommen allmählich wieder zur Ruhe. AL HACA nehmen uns gefangen in den dunkelsten Ecken unserer bloßgestellten Seelen und verschaffen Ablenkung von der eben erlittenen Tortur. Die Knochen noch zitternd, schallt der “Master of Dub” durch den Raum, statt mit 45 auf 33. Mister Lee Scratch Perry dubbt uns zusätzlich verlangsamt in seine verdrogten Gehirngänge und stellt sie auf ausladenden Leinwänden aus.
“AN ALLE – AN ALLE” zwitschert es bekannterweise wieder ein paar mal über unseren Köpfen. Wir wissen, wir sind im sicheren Hafen angekommen, nurmehr um das nächste Auslaufen vorzubereiten. “AL HACA – AL HACA” wenn man genau hinhört. AL HACA.

Wenn ein Name diesen Abend überraschen konnte, dann der des Soundsystems mit den verspultesten Tracks und den herrlichsten Reminiszenzen. Aber wieder, es regt sich etwas auf der Bühne. Die vielleicht schon aus dem Supermolly oder anderswo her bekannten Gesichter von jazzsteppa bauen sich auf. Die Meute harrt einmal mehr dem, was da kommen solle. Noch schweben eifrigste Klangschnipsel durch die Lüfte. Hab’ ich schon AL HACA gesagt? AL HACA AL HACA!

___jazzsteppa___


Die Technik und die Band haben den Soundcheck hinter sich gebracht und bringen gemeinsam die ersten Töne des Konzertes auf die Bühne. Nicht jedem schmeckt ihr Sound, nicht jeder hat noch Energie übrig und so erhalte ich am Rande des Konzerts auch kurz die Möglichkeit, mit AL-HACA zu sprechen und man bestätigte mir mein Gefühl:

Der Mixmaster Adrian Sherwood himself zeichnete für die einleitende goldene Scheibe im ersten Set verantwortlich. DUB SYNDICATE, AFRICAN HEAD CHARGE, AUDIO ACTIVE, NEW AGE STEPPERS, REVOLUTIONARY DUB WARRIORS und weitere betreten die Bühne der Gefühle. Leipzig, Wien, Greifswald, Berlin, paar Mal auf dem Sziget usw. – die Jungs haben schon ein bischen von der Welt gesehen und das kann man hören.

Die gerade spielende Band dann doch wieder nicht. Als schließlich doch mal ein paar Titel aus den Boxen tröpfeln, scheint wieder etwas an der Monitorkonfiguration nicht zu stimmen: Die Musik ist aus. Und dann mal wieder an. Und wieder aus. Der Reaktionsgabe der Backing-DJs gedankt bedeutet dies für uns aber kein Ende der Musik, sondern lediglich den Abgang Jazzsteppas von der Bühne. Kein Verlust. Während JAZZSTEPPA die Bühne leer räumen und kaum verrichteter Dinge das Yaam verlassen, ereignet sich vor der soeben erst entdeckten, gerade geschlossenen Lounge DER Moment: Ein Techniker trifft #2 und nochwen, wir vom weggehenden Lounge-DJ verdattert zurückgelassen blöd rumstehend, werden Zeuge folgender vernichtenden Kritik an JAZZSTEPPA:
“Sowas unprofessionelles habe ich noch nie erlebt! Wenn DER mich noch einmal anquatscht, schlag ich ihm in die Fresse, echt! Das kann doch nicht sein! Was soll das?”
Der Name dieser Band sollte in Zukunft nur noch klein, am besten jedoch gar nicht mehr geschrieben werden.

___FADE AWAY___

 

DJ SAIMAN ergreift die Plattenspieler und geleitet uns akustisch zur Tür. Was folgt, ist nur noch Schadensbegrenzung. Viele Gäste verlassen empört das Gelände und die Kasse am Einlass wird schnell weggeräumt, bevor noch mehr ihr Geld zurückverlangen. Aber was bleibt ist ein wunderschöner Abend, mit ausgezeichneten Musikern und immernoch diesem Gefühl, an etwas ganz Besonderem teil gehabt zu haben. Schnell verteilen sich noch ein Paar Sticker, um vielleicht das ein oder andere Gesicht im circus einmal ähnlich bespaßen zu dürfen. To Be Announced.

HIGH TONE, AL-HACA, TSUNAMI WAZAHARI
Wiedersehen ist ein Muss!

Wer es ohne tiefbassiges Nackenkribbeln nicht aushalten kann, sei also zum circus feature zu Beginn des neuen Jahres eingeladen. Dank spezieller Leichenkellerakustik ist es uns ein Leichtes, mit vergleichsweise geringen Mühen über viele Stunden eine vielleicht nicht ganz unbekannte Athmosphäre aufrecht zu erhalten.
Komm.

  1. AL HACA soundsystem wrote: und weil es so schön war hier ein mitschnitt des 2.parts unseres auftritts :)



Donnerstag, 27. Januar 2011

Chameleons Vox :: Konzert am 26.01.2011

Eine Sache am Älterwerden ist ja das Ding mit der Erinnerung. Der Blick geht öfter zurück, als noch vor zehrn Jahren, wo man selber noch das Gefühl hatte, dass die ganze Welt noch vor einem lag. Stimmte natürlich schon damals nicht, aber man konnte sich das einreden... Irgendwann aber fängt man an, ein paar Dinge, die einem wichtig sind, in das persönliche Schatzkistchen zu legen. Dazu gesellen sich ein paar Erinnerungen an schöne Erlebnisse, Zeiten und Stimmungen. Das Verführerische daran ist auch noch, dass die ganzen Erinnerungslücken einen dunklen Hintergrund aller vergessenen Dinge ausbilden, vor dem die vergoldeten Relikte im Bewusstsein um so heller strahlen...

Nun bin ich ja ein Mensch, dessen Leben sehr stark an Musik und Schrift geknüpft ist - also auch an Musik. Und als ich 1997 meine Plattensammlung verkauft habe, weil ich für länger nach Nicaragua ziehen wollte (was dann tatsächlich nur ein paar längere Monate wurden...), da tat ich etwas, von dem mich schon damals eine Ahnung beschlich, dass ich das später mal bereuen würde. Und so kam es auch. Also fing ich vor einigen Jahren an, mir meine Plattensammlung zurück zu kaufen - natürlich nur diejenigen Scheiben, die sich wirklich lohnten - und auch solche, die ich früher schon gerne gehabt hätte - und auch solche, die aus heutiger Sicht unbedingt in meine Sammlung gehört hätten. Und dann fing ich auch an, auf Konzerte von Bands zu gehen, die ich von früher kannte - die ich aber zu Hochzeiten ihres Schaffens irgendwie verpasst hatte. Und bald war es auch soweit, dass ich sogar auf ein Konzert gegangen bin von einer Band, die ich früher schon live gesehen hatte. Wo ich mir also nicht mehr einreden konnte, es sei sozusagen nur, um die Backlist meiner Konzertbesuche aufzufüllen. Das erste mal war das beim Cure Konzert 2006 in Berlin. Und jetzt wieder bei einer Band mit Namen The Chameleons. Ich fand sie großartig damals.

Nun ist es ja so, dass 25 oder gar 30 Jahre später nicht mehr alles so großartig sein muss, wie man es damals empfand, zu Zeiten, als man selbst in einem ganz anderen Leben herumeierte. Das kann böse nach hinten losgehen, wenn man plötzlich irgendwelche alten Säcke auf der Bühne stehen sieht, die versuchen, ihre ollen Kamellen von damals halbwegs passabel rüber zu bringen. Und wenn man mit alten Säcken im Publikum steht, neben einem nur Guinness, alkoholfreies Pils oder Wasser getrunken wird und man sich einbildet, der Geruch von Old Spice liege wie ein Schleier der fortschreitenden Vergreisung in der Herrentoilette.

Nun, mit den Chameleons war es nicht so. Nach zwei langweiligen und unbedeutenden Vorbands sah und hörte ich die Truppe um Mark Burgess am 26.01. im Magnet Club in Kreuzberg - und es war großartig! Dabei hatte alles turbulent begonnen. Meine Begleitung hatte kurzfristig abgesagt - und mir ganz nebenbei noch gesteckt, dass ich ihren Gästelistenplatz haben könnte. Na toll. Wozu hatte ich mir also eine Karte gekauft? Und dann haben sie mir die Karte am Einlass abgenommen - sodass nicht mal mehr ein Souvenier übrig bleiben sollte von dem Abend.

Es war trotzdem geil! Es war voll - und es waren gar nicht nur alte Säcke unterwegs. Es roch nach Schweiß statt nach Old Spice - und zum Klo kam ich erst gar nicht, so voll war's... Das Publikum war textsicher, sogar textsicherer als ich - und ich kann wirklich viel Lieder der Band aus Middleton mitsingen - wenistens so dreiviertel richtig. Den Rest nuschle ich immer lautmalerisch unter die Musik. Chameleons Vox heißt das Projekt der Band, unter dessen Namen sie den Backkatalog der ersten Periode ihrer Existenz (1983 bis zu ihrer Auflösung 1987) zum Besten geben. Später dann - aber das ist auch schon wieder 10 Jahre her, haben sie sich wieder vereint und neue Sachen aufgenommen, die ich aber nicht kenne. Nun ja, so ist das nun mal. Angespornt von diesem Erlebnis - sowie von einigen ähnlich positiven Erfahrungen mit The Cure, Einstürzende Neubauten und Bauhaus habe ich mir dann gleich noch ein Ticket für Fischer-Z gekauft - aber das ist eine andere Geschichte, die ich später erzähle...