Mittwoch, 22. Februar 2012

Ankündigung der Berliner Zeitung zum BarBitchesBall 2012






Der Club Magnet, zum zweiten Mal
Gastgeber des Bar Bitches Ball
Foto: Benjamin Pritzkuleit
Berlin - Sie stehen das ganze Jahr über an der Tür, der Garderobe, hinter der Bar, am DJ-Pult oder vor den Klos und arbeiten auf diese Weise am Image Berlins als Party-Stadt. Doch einmal im Jahr dürfen Berlins Nachtarbeiter selber einen draufmachen.

Und das ist bekanntlich weiterhin eines der wenigen Merkmale, bei denen die Stadt wirklich Weltruf hat. Die Angestellten der zahllosen Clubs der Stadt sorgen dafür, dass das internationale Publikum feiern kann – oft von spät abends bis weit in den nächsten Morgen hinein. Einmal im Jahr dürfen Berlins Nachtarbeiter selber einen draufmachen. Zum Beispiel am Mittwoch im Magnet in der Falckensteinstraße in Kreuzberg. Dann ist Bar Bitches Ball. Nicht nur Branchenangehörige sind geladen, auch Externe sind willkommen. Mit insgesamt 1000 Gästen wird gerechnet.

Zum fünften Mal veranstaltet die Clubcommission, ein Zusammenschluss namhafter Club- und Labelbetreiber der Stadt, die Party der Partymacher. Neben Liveauftritten von Musikern der Genres HipHop, Rap und Powerpoppunk gibt es auch eine Electronic Stage mit DJs wie Alle Farben oder Leevey.

Doch vor der Party – man ahnt es – steht beim Bar Bitches Ball die Arbeit. Club- und Labelbetreiber sind zu Diskussionen vor allem um die Zukunft des Musicboards eingeladen. Dieses Board ist eine mit einer Million Euro ausgestattete Einrichtung des Senats und soll sich um die Belange der Branche kümmern, die unter Verdrängung aus den Innenstadtbezirken leidet.

„Wir wollen hören, was unsere Mitglieder für Forderungen an den Senat haben“, sagt Raimund Reintjes, lange Jahre Betreiber des RAW-Tempel in Friedrichshain, mittlerweile Organisator des Bar Bitches Ball bei der Clubcommission. Eines ist Reintjes aber mindestens so wichtig: „Anschließend feiern wir uns selbst.“ Mit großem Recht, wie er findet. Schließlich gehe es der Branche „insgesamt ganz gut“, sagt er. „Die Clubszene steht heute sehr stark da.“ (elm.)

Bar Bitches Ball: Mi., 23 Uhr. Magnet Club. Falckensteinstr. 47, Kreuzberg, Eintritt: 6 Euro

Samstag, 4. Februar 2012

Holy Shit :: Tim Hecker spielt "Ravedeath 1972" in der Passionskirche

Es ist mal wieder Club Transmediale - kurz CTM. Und wie schon seit vielen Jahren kann ich auch dieses Mal nicht umhin, die vielen tollen Programmpunkte zu bestaunen, die Jan, Remko und Mitstreiter mal wieder an Land gezogen bzw. aus der Taufe gehoben haben. Das diesjährige Motto heißt: Spectral. Nun ja - schön unverbindlich, wie fast immer. Eine ganze Menge Panels und Happenings beschäftigen sich z.B. mit dem Zodiak Free Arts Lab, jenem legendären Improvisations- un Sessionraumvon Conrad Schnitzler und Hans-Joachim Roedelius. Es gilt als der Geburtsort von Bands wie Tangerine Dream, Ash Ra Tempel - später erwuchsen daraus Kluster / Cluster oder die Solokarriere von Klaus Schulze. Vielleicht so etwas wie der Kreissaal der Berliner Elektronikszene, die neben Köln, Düsseldorf und München die Ursuppe der Krautrock Bewegung - und damit der elektronischen Musik als Genre, bildeten. Doch leider sind hier die ganzen spannenden Programmpunkte an einem Dienstag - doch der gehört der Dienstagswelt - ist doch klar!

Photo by Marco MIcrobi
Bogdan macht mich indes auf ein anderes Event aufmerksam, ein Orgelkonzert vom Kanadier Tim Hecker in der Passionskirchze Kreuzberg. Heilige Scheiße - was soll denn das sein? Ein Orgelkonzert in einer Kirche auf der CTM? Ok, dachte ich, da muss was hinter stecken, sonst würden weder CTM noch Bogdan aka Dr. Nojoke mir soetwas ans Herz legen. Es stellte sich heraus, dass es einerseits natürlich um Orgelklänge geht, andererseits aber auch um den Luftstrom, der durch die Pfeifen strömt, an dem der Künstler tatsächlich ebenso interessiert ist: Mit seiner Hilfe erzeugt Hecker seltsame Effekte, verhuscht, ambient und drony (das Wort musste ich gerade erfinden), um diese, elektronisch moduliert, über die Orgelklänge zu legen. Das klingt wirklich abgefahren und trifft so ziemlich genau meinen Geschmack elektronischer Hörkunst! Das Artwork zu seinem entsprechenden Album ziert ein Foto aus dem Archiv der Massachusetts Institute of Technology, das Studenten im Jahre 1972 bei einem alljährlichen Ritual – dem Piano Drop - zeigt.

Auch Lenka, eine Freundin aus Tschechien, kam mit - und so verabredeten wir uns alle am Samstagabend (04.02.2012) vor der Kirche. Vor der Kirche... haben sich dann auch noch gefühlte 1500 weitere Musikfreaks verabredet! Es dauerte Ewigkeiten, bis alle drin waren. Zum Glück hatten wir unsere Karten schon vorher gekauft, denn das Konzert war überknackevoll. Einen Sitzplatz zu ergattern war unmöglich, aber der klirrenden Kälte draußen zu entkommen war ja schon mal mehr als angenehm. Genauso, wie das folgende Konzert, dass ca. 75 Minuten dauerte und ohne jedwede Inszenierung auskam.

Photo by Marco MIcrobi
Im Anschluss trafen wir noch Alex Albert aus London, die zur CTM nach Berlin gekommen war und schon reichlich verfeiert bzw. vom Programmmarathon mitgenommen wirkte. Wir verabredeten uns später noch in der Ritter Butzke, doch außer Heidi, mit der ich ebenfalls verabredet war, und verschiedenen Menschen, die ich dort ungeplant traf, tauchte niemand von meinen Konzertbegleitern auf. Es war trotzdem ein großartiger und runder musikalischer Abend...

Sonntag, 15. Januar 2012

15.01.2012 :: Time- and space-travelling mit Bevis Frond

Bassy Cowboy Club
Der Bassy Cowboy Club mausert sich echt zu meinem angesagtesten Live Club! Er hat genau die richtige Größe, ist in Rot und Gold gehalten, mit Spiegelkugel, charmanten 60ies-Einsprengseln und nur was für echte Cowboys. Und Cowgirls. Einmal mehr also stand ich vor der von rotem Samt bekrönten Bühne des Clubs in der Schönhauser Allee, im Basement vom ehemaligen Pfefferwerk, an das ich auch so viele schöner Erinnerungen aus den 90ern habe. Und seit den 90ern - genauer gesagt seit ziemlich genau zwei Jahrzenten, ist es her, dass ich The Bevis Frond live gesehen hatte. Ich war da im Ausklang von meiner Stoner Rock - oder wie ich es damals nannte: "Neo-Psychedelic" Phase: Monster Magnet, Sun Dial, Bullet Lavolta, Strobe oder eben Bevis Frond - alle konnten sie endlos lange Gitarrensoli anstimmen, um neben den schönen Melodie auch bewusstseinsvernichtende Wahwahs - gleich einem nicht enden wollenden Ionensturm - auf die Zuhörer loslassen. Und Bevis Frond, soviel ist seit heute sicher, können es immer noch.

Die jüngst erschienene Platte "Leaving London" kommt zwar nicht ganz an die Highlights der alten Tage 'ran, aber die Qualität der Songs ist wirklich sehr gut und zwei, drei Songs bieten sich sogar als echte Hymnen an. Nick Saloman wollte es irgendwie wohl wirklich wissen, und nach dem schönen Release kam gleich ein toller Auftritt hinzu. Eine perfekte Mischung aus allem, was die Band ausmacht - vom melodischen Folkrock bis hin zu 20 Min Gitarrensessions, von Psychedelic bis zu Stoner und zurück. Altes und Neues gut gemischt und garniert mit einen extrem unprätentiösen Humor Nick Salomans und der Band. Einfach Alles stimmte. Das Bassy war rappelvoll, also voller eingefleischter Fans - und, kein Wunder, ich entspach dem Altersdurchschnitt. Danke, Nick Saloman - danke, Bevis Frond - und danke Bassy!

Ein kleines Extra gab's noch oben drauf, da mittlerweile Hawkwind Bassist Adrian Shaw (spielte dort 1977 / 1978) nun (neben seinem Bassistendasein bei dem Hawkwind Spinoff Hawklords) bei Bevis Frond den Bass spielt - und einen Moment lang hatte ich gehoff, das letzte Lied der Zugaben, eine Coverversion, könnte Silver Machine oder Urban Guerilla als Remineszenz an diese epochale Space Rock Band nachspielen, aber dieser stille Wunsch war das einzig Unerfüllte an diesem Abend...  

Irgendwie passt die geballte Ladung Gitarren zu meinem derzeitigen Krautrock-Rausch, in den ich verfallen bin. Dutzende Entdeckungen aus einer Zeit, in der sich die elektronische Musik in Deustchland entwickelte und die auf sehr experimentelle Weise eine eigene Rocktradition begründete. So passt es auch irgendwie ins Bild, dass der Vater von Bandleader Nick Saloman aus Berlin stammt. Wenigstens so halb? Naja...

Samstag, 10. Dezember 2011

Dostojewskijs "Der Spieler" in der Volksbühne - Fernsehen mit Castorf

Unglaublich - Raimund geht in's Theater - das ist ja noch seltener als einen Sack Goldmünzen unter'm eigenen Bett zu finden... Es war irgendwie auch nicht meine Schuld - sondern die des Nikolauses in Form meines WG-Mitbewohners Martin, der alle WG-Genossen ins nahe gelegene Scheinbar-Varieté einladen wollte. Das ist eine winzige Bühnenspielstätte in Kneipengröße und mit doppeltem Underground-, Off- & Geheimtipp- Bonus. Sowas mag ich ja eigentlich - obwohl das angekündigte Programm eigentlich nicht viel aussagte. Aber irgendwie hätte das eine WG Ausflug in ein kleines Etablissement um die Ecke werden können, ohne großen künstlerischen Anspruch - dafür im ungezwungenen Ambiente. Tja, ausverkauft... Irgendwann schickte Martin also die SMS, dass er stattdessen Karten für Frank Castorfs Inszenierung von Dostojewskijs "Der Spieler" in der Volksbühne reserviert hätte - und die Nachricht traf mich wie ein Nackenschlag mit einem Zweihänder. Seit Jahrzehnten verweigerte ich dieser Kunstform nun schon hartnäckig meine Aufwartung, obwohl z.B. meine Schwester Schauspielerin ist - und in Rollen spielt, für die sich der Rest meiner WG ein halbes Jahr im Voraus Karten reserviert. War das etwa ein perfider Plan, mir jedwede Argumente zu rauben, mich einem Besuch eines Stückes von meiner Schwester weiterhin zu entziehen? Oder stecken noch andere, viel missionarischere Absichten dahiner?

Jedenfalls kam der Samstag (und die gemeinsame Fahrt zur Volksbühne) in einem Tempo gleich einer polierten Bowlingkugel in einem Eiskanal. Vor Ort erinnerte ich mich an meinen letzten Besuch in dem Etablissement - noch mit meiner damals frisch angetrauten Ehefrau Antje, wo wir eine 8 Stunden-Inszenierung der Niebelungen gesehen hatten, die ich nur mit äußerster Mühe und viel verliebter Hingabe überstand. Und auch dieses Mal erwischte uns die temporale Keule mit voller Wucht: Das Stück begann um 19 Uhr - und endete ohne Vorwarnung erst kurz vor Mitternacht! Wir hatten alle mit einer 2,5-Stunden Inszenierung gerechnet - aber nein, natürlich ... Wenn schon - denn schon...

Scheer, Angerer& Rois in "Der Spieler"
Als nach gut 2h Pause war, war ich doch sehr angetan: Fast vollkommen losgelöst von der Vorlage des Originaltextes von Dostojewskij wurde hier ein sehr unterhaltsamer Rahmen aufgespannt - mit insbesondere zwei unglaublichen Sprecherrollen, die kilometerweise Text abspulten, dass ich mich frage, ob das wirklich alles von einem einzigen Menschen gelernt werden kann. Oder standen dort Klone auf der Bühne? Oder gab es an zwei Dutzend Stellen die Regieanweisung: 'Erzähl' halt irgendwas, pack möglichst viele Worte in die Minuten, rassel es runter wie ein Wasserfall - nur sieh zu, dass es irgendwie zur Stimmung passt...' Fast bin ich geneigt zu glauben, dass es wirklich nur jeweils eine weibliche und eine männliche Person waren, die in der enstprechenden Rolle steckten - und das finde ich sensationell. Namentlich: Kathrin Angerer und Alexander Scheer, den ich schon im Film "Sonnenallee" gesehen habe und der zurzeit auch noch als Percussionist mit "The Whitest Boy Alive" auftritt. Schauspielerisch sehr ansprechend fand ich auch Grimmepreisträgerin Sophie Rois.

Ansonsten war das Theaterstück zu großen Teilen wie Kino, weil der zentrale Raum des Stücks, das Casino, gar nicht vom Publikum einsehbar war, sondern nur durch den Einsatz einer Livekamera auf eine große Projektionsfläche übertragen wurde, die in der Kulisse eines Viertels der Drehbühe aufgestellt war. Das hat mir sehr gut gefallen, ebenso wie die zahlreichen Anspielungen an moderne Spieler, "Playboys" und Musiker wie Mick Jagger oder Brian Jones und weitere Aspekte der Popkultur. Die Handlung zerfaserte für mein Empfinden ziemlich, einige Bilder verstand ich dann auch nicht, so z.B. 'die Kartoffel, auch die "Preussische Orange" genannt' - oder das 'deutsche Krokodil'. Und am Ende war auch meine Aufmerksamkeitsspanne überdehnt. Trotzdem muss ich sagen, dass mir das Stück gut gefallen hat und meine strikte Ablehnung gegenüber dem Theater tatsächlich ins Wanken gekommen ist. Verdammt!

Im Anschluss an diesen Abend traf ich mich noch mit Heidi im "Gretchen" zum "Klub der Pioniere", eine Veranstaltungsreihe, die ja sonst im MIKZ stattfindet. Marc Miroir (Paso Music) hatte mir freundlicherweise Gästelistenplätze zu Verfügung gestellt. Bei der Gelegenheit fand ich heraus, dass es noch einen zweiten, kleineren Raum im Gretchen gibt - und, dass auch andere Veranstaltungen mit einem tollen Lineup Anfang Dezember unter Besucherschwäche leiden. Ich muss sagen, da haben wir mit unserer Dienstagswelt - trotz der touristenarmen Schwächephase - noch deutlich mehr Gäste auf unseren Parties, als in dieser Nacht im Gretchen weilten... Und auch nettere! Es war trotzdem ein schöner Abschluss mit ein paar Vodka-Mate und Musik von Turmspringer, Pornbugs, Marc Miroir und anderen. Ins Stattbad Wedding wollte ich anschließend aber nicht mehr mitgehen - irgendwann ist auch mal gut.

Freitag, 2. Dezember 2011

Spiel mir das Lied Deines Lebens :: Premiere im Salon Wilde Renate

Oh je... Das war schon wieder eine Überdosis RAW. Dennoch: Daran habe ich ja länger gearbeitet, dass die Jungs mit ihrer Schow rund um das besondere Lied mit der besonderen Geschichte in der Renate heimisch werden können. Leider konnte ich selbst nicht anwesend sein, weil ich im KlickClub (ex PHB-Club) Künstlerbetreuung machen musste. Gab gut Geld - und das konnte ich nicht sausen lassen. Aber irgendwie war ich auch froh, dem RAW Dejavu entkommen zu können. Fazit: 4 zahlende Gäste, alles Geld versoffen.

Samstag, 26. November 2011

Eröffnung Salon Blaue Elise

Endlich ist es soweit: Jule und ich eröffnen unseren "Salon Blaue Elise" in der Samariterstr. 17. Insgesamt ist es doch viel antiker geworden, als wir uns zuerst gedacht haben, aber uns beiden gefällt's! Die Eröffnungsfeier wird ein rauschendes Fest bis in den Morgengrauen - mit special guests aus London: Ganz überraschend kamen Chris & Hannah durch die Tür spaziert, die gerade auf Berlin-Besuch waren und von Antina von unserer Eröffnungsparty erfahren hatten. Wie es sich für gestandene Finninnen und Briten (mit deutscher Verwandtschaft) gehört, waren sie die letzten Gäste..! Ein toller Auftakt - jetzt muss es uns nur noch gelingen, den Laden an's Laufen zu bekommen...

Samstag, 22. Oktober 2011

Glitschen mit Glitch Mob im Gretchen

Glitschen, also als Tätigkeitsbezeichnung, ist heute mein Lieblingswort! Als ich gegen 22:30 Uhr das Haus verließ, ging ich glitschen. Glitschen! The Glitch Mob ist in der Stadt - auf ihrem ersten Deutschlandkonzert auf ihrer ersten Europatournee. Meine Güte, ich bin beeindruckt! Das war das allerbeste Konzerterlebnis seit sehr langer Zeit. Als die Band nach ihrer dritten Zugabe von der Bühne ging (nicht ohne Beweisfotos von der randvoll mit Feierwütigen gefüllten Halle) überkam mich ein pathetisches Gefühl, wie ich es schon sehr lange nicht mehr hatte. Ich musste an Nirvana denken, die mit "Nevermind" ein Genre definierten und an The Doors, deren legendäre Auftritte im Whisky A Go-Go
Copyright  The Glitch Mob
das Lebensgefühl der Zeit nicht nur auf den Punkt brachten, sondern von der Band zelebriert wurde. Und für mich ist es seit heute tatsächlich so, als tritt mit dem Sound der dreiköpfigen Combo aus Los Angeles und ihres 2010er Debut- (und bislang einzigem) Album "Drink The Sea" ein ganzes, in der Findung befindliches Genre, über seine Ufer: Glitchmob spielt den urbanen Sound der Jetztzeit. Ihr Glitch ist die Phattnesss, der Beat und Rap des HipHops, die elektronische Kompromisslosigkeit des Techno, die Anbindung an den Pop durch die Synthesizer-Melodien aus dem Elektro, die Bässe und Subbässe des Dubsteps, Breaks aus dem Breakbeat, die HighHat vom Drum'n'Bass, das Dope des Urban Dub und die Drumsounds wie die Herzschläge der japanischen Kodo-Trommeln.

15 Euro kostete der Eintritt in den erst wenige Tage alten rsp. neuen Club "Gretchen". Das Gretchen befindet sich in der Obentrautstr., direkt neben einem extrem obskuren und schmucklosen "MusikClub" mit einer (schätzungsweise) türkischen Türsteher-Crew und keinen erkennbaren Gästen. Mit Erschrecken hatte ich mir den schon lange im Kalender rot markierten Termin ohne dazu gehörige Uhrzeit notiert, und als ich so langsam an die Abendgestaltung ging und mich nach der Öffnungszeit im Netz erkundigte, musste ich feststellen, dass seit 21 Uhr Einlass war. Verdammt! In Windeseile stopfte ich Geld, Telefon und Schlüssel in meine Taschen, zog Jacke und Schuhe an und sprang nach draußen. Ich war mich nicht sicher: Wieviel Leute würden kommen? Würde es Karten an der Abendkasse geben? Würde ich überhaupt noch reinkommen? Hatten die vielleicht schon angefangen zu spielen?

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Vor Ort angekommen entpuppte sich alles als problemlos. Es stand zwar ein Schlange von ca. 50 Wartenden vor der Tür, aber innerhalb von 15 Minuten war ich drin, hatte bezahlt und war meine Jacke losgeworden. Das Gretchen besteht aus einer einzigen Halle für ca. 400-500 Besucher, die Decke ist eine Art Kreuzgewölbestruktur (ok, hier habe ich keine so genaue Ahnung von den richtigen Vokabeln) auf weiß angestrichenen und schön verschnörkelten Metallsäulen aus der Gründerzeit. Die eigentlich stilvolle Halle erlebt einige harte Brüche durch die riesigen Lüftungsrohre, die sich rechts und links and den Seiten der Decke entlang ziehen. Einige unscheinbare Paravents teilen einen zweiten Cocktailbar-Bereich ab. Die Lichtanlage ist bescheiden, einige schlampig rsp. behelfmäßig installierte Beamer haben ihren rechten Platz noch nicht gefunden und flackern unscharf und verzogen an die Wand, während wenigstens der Beamer zur Bühne das Geschehen gestochen scharf unterstreicht. Die allesamt weiblichen Barkräfte machen den Eindruck, noch nicht richtig eingespielt zu sein, trotzdem sind alle anwesenden Menschen gut gelaunt und erwartungsvoll.

Als ich meine erste Club Mate bei der Tresenkraft mit blondem Afro bestelle, bittet sie mich, ihr das Geld direkt in die Hand zu legen, weil sie sich sonst beim Aufklauben der Münzen von der Theke ihre Fingernägel abbrechen könnte. Krass. Aber authentisch... Sie könnte gebürtige Cubanerin sein oder aus einem anderen Staat der Karibik kommen, jedenfalls versprüht sie definitiv soviel Verve, als sei der Platz hinterm Tresen gleichbedeutend mit dem Platz auf der Bühne. Einzelne Gäste fotografieren ihre Tanz- und Cheerleading-Einlagen, ein erster Schritt auf dem langen Weg zum Fame. Währenddessen spielt Onra live, eine französische Combo, deren Sound mir zunächst nicht so recht ins Ohr gehen will, der mit zunehmender Dauer aber dann doch auch zunehmend tiefer eingeht, bis er mich gänzlich packt mit seiner ebenfalls sehr urbanen Melange aus HipHop, Dub, Funk, Psychedelic und Soul, garniert mit Soundeinsprengseln kaum zuzuordnenden ethnischer Hintergründe. Etwas fehlte die Dynamik, obgleich der Künstler auf der Bühne mit Keyboard-Support daher kam. Vielleicht war's ja Keyboarder Byron the Aquarius, mit dem Onra schon 2007 eine interessante Kooperation gestartet hat, die "various influences such as futuristic hip hop and spaced-out and jazzy broken beats" beinhaltet. Passt, würde ich sagen...

Copyright fstop45
Fast pünktlich um Mitternacht beginnt Glitch Mob. Schon die ersten Sounds schieben einen Druck durch die Halle, dass die Hosenbeine flattern. Geil! Innerhalb von Sekunden sind 30 Arme oben mit Handykameras und artverwandtem Spielzeug. Ich bin nur live dabei, dafür aber richtig! Die meisten Besucher kennen das Album, auf dem nahezu jeder Song ein Treffer ist. Woge für Woge der Begeisterung rollt vom Publikum gen Bühne, bei jedem neuen, wohl bekanntem Song branden Jubelschreie durchs Gretchen. Als Belohnung gibt's brachial-fuzzy Elektronikwellen, die sich wie Springfluten von der Bühne auf die Tanzenden ergießen, um immer wieder zurück in seichtere Gewässer zu finden, wo verhuschte Geigensamples oder filigrane Synthiemelodien das Atemschöpfen erleichtern. ...Bis sich dieser Moment ankündigt, wo die Druckwelle die Leute erneut umfängt wie ein wohliger Plasmasturm. Die Musik ist körperlich erfahrbar, sie ist Extase, sie produziert Glückshormone - und sie ist frei! Sie bedient sich in allen Musikstilen, die ihr genehm sind, alle Ingredienzien klingen vertraut, sind komponiert - und generieren doch etwas so eigenständiges, so dass ich das klangliche Ergebnis, wie bereits erwähnt, nur vergleichen kann mit der Definition eines ganzen Genres, nicht bloß einer Spielart.

Copyright  The Glitch Mob
Was ist Glitch? Wörtlich könnte man sagen: Ein Störgeräusch, dass aus Fehler in Schaltkreisen entsteht. Bislang konnte dieses Genre eher als Experimentierfeld des Noize oder der Clicks'nCuts gelten, wobei es im Kern nie um die eigentliche Soundästhetik ging, sondern immer um die Arrangements ungewöhnlicher, an sich nicht mit Musik verknüpfter Geräusche. Zu den bekannteren Vertretern zählten bisher Künstler wie Autechre, Amon Tobin, Pan Sonic oder Pole. Großartige Künstler mit exzellenten musikalischen Werken und verhältnismäßig großer Fangemeinde. Doch mit den Musikern von Glitch Mob (ähnlich wie mit Apparat) stehen heute Vertreter des Genres auf der Bühne, die diesen oftmals kopflastigen Sound die körperliche Komponente hinzufügen. Glitch Mob ist musikalischer Sex, hart, vertraut, liebevoll und über die Grenzen gehend. Man kann auch sagen, ein multipler, musikalischer Orgasmus...

Habe ich schon erwähnt, dass ich manchmal zu Übertreibungen neige? Aber ich liebe dieses wunderbare Gefühl, nach Hause zu kommen mit den Eindrücken eines solchen Abends, wirklich sehr! Das hat etwas mit dem Feuer zu tun, das Musik in einem Menschen wie mir zu entfachen vermag. Ich vergehe, wenn es erlischt... Im Anschluss an das Konzert traf ich dann ein Grüppchen Live-Rollenspieler bei Curry36. Sie waren mir schon während das Konzerts durch ihre Kriegsbemalung aufgefallen, ein über's Auge ins Gesicht gemalter, jetzt vom Schweiß der Nacht verschmierter, großer, schwarzer Blitz. Die Kollegen, erfahre ich, sind extra aus München angereist, um das Konzert zu sehen. Das einzige andere Konzert in Deutschland ist in Hamburg. Da haben's die Südländer mal wieder weit zum Vergnügen. Aber Respekt, meine Lieben...

Hier noch ein Kommentar eines begeisterten Fans auf dem release Blog der Band zum Album:

"This music makes me feel like if I touched it my arms would turn silvery and magical and I could like beat up bad guys and win the universe and then I would start an investigation to all the murders of previous owners of the universe like the highlanders and he-man and then I would find out that chuck norris assassinated them and then I would get into and epic duel with chuck norris and he is going to round house my head off but I just play this album and the epic melts his brain" 

Nothing more to say...